20.Etappe
Schon bisschen nervös vor morgen...
MADRID, 16.09.06. Das
war heute ein relativ entspannter Tag.
Zeitfahren ist für uns Sprinter
und alle anderen ohne Ambitionen im
Tages- oder Gesamtklassement eine
Pflichtübung. Möglichst
kräftesparend durchkommen ist die Devise.
Heinrich, Hieke und ich sind zusammen zum Start gefahren.
Für mich dann das gleiche
Prozedere wie
beim letzten Zeitfahren.
Sagen wir: Ich habe mich wenig
warm gefahren... Hieke
hatte heute Ambitionen und
ist die Strecke vorher abgefahren.
Nachher war er Neunter - ein super Ergebnis
für ihn. Er hat mir und Heinrich nach der Erkundung
ein paar Tipps gegeben zur Strecke.
Dann gings los. Viele Kreisverkehre drin.
Vom Gefühl her war es so,
als ob es viel hoch ging.
Ich bin "locker" gefahren,
obwohl das Wort eigentlich nicht
zutrifft, denn natürlich kann man
ein Zeitfahren nicht locker fahren, sondern
muss schon ein bisschen treten.
Man schaut halt, dass man
unterhalb der Schmerzgrenze
bleibt, obwohl das auch nicht ganz stimmt,
denn es tut auch schon weh. Das ist schwer zu beschreiben,
als Profi kennt man seinen Körper
sehr genau und weiß, wo dieser
Punkt ist.
Ich war heute nicht so gut drauf,
wie beim letzten Mal, wo mir das Zeitfahren sehr leicht fiel.
Ich bin nicht schnell gefahren,
aber ich dachte eigentlich schon,
dass mehr rausspringt als der siebtletzte
Platz. Aber die Platzierung
ist natürlich ganz egal.
Ich orientierte mich am Vordermann,
wenn man ihn vor einem sieht,
hat man eine Idee, dass man
gut in der Zeit liegt.
Gut bedeutet, keine Probleme mit
dem Limit zu bekommen.
Ich hatte als Siegerzeit
mal sehr schnelle 30 Minuten angenommen, alles unter 40 Minuten
war dann okay.
Nach dem Rennen ein bisschen aam Bus abgehangen,
mit ein paar Journalisten unterhalten.
Als Heinrich kam, sind wir zusammen ins
Hotel. Die Pflicht hatten wir hinter uns,
nun begann der angenehme Teil des Tages.
Mittagessen, ein kleines Schläfchen,
Massage. Heute abend haben wir alle Mann
ein gemütliches Abendessen gehabt.
Wir haben die Vuelta bei Tappas und
einem Glas Wein ausklingen lassen.
Morgen nach dem Rennen geht
ja alles Hopplahopp,
Duschen und direkt ab zum Flughafen.
Für die allermeisten im Feld
wird es morgen eine gemütliche Etappe.
Für mich kommt morgen aber nochmal
ein Höhepunkt. Die Schlussetappe
ist für Sprinter immer besonders
prestigevoll. Soviele
Sprinter sind zwar nicht mehr da,
aber doch noch sehr starke
Gegner: Zabel, Hushovd, Nazon, Clerc.
Hushovd hat die Touretappe in Paris
gewonnen, ich beim Giro in Mailand.
Klar, das wir morgen das selbe Ziel haben.
Aber es kommt halt wie immer auf die Beine
an. Mein Soll habe ich
ja mit dem Sieg am letzten Sonntag
schon erfüllt, was jetzt kommt
ist ein Bonus.
Viele sagen mir: "Frösi,
Du hast doch Mailand gewonnen, also..."
Aber die Favoritenrolle lasse
ich mir nicht aufdrücken.
Das ganze macht mich aber
doch schon kribbelig.
Heute abend begann bei mir
schon leichte Nervosität.
Das muss man versuchen
wegzudrücken. Morgen
einfach reinhalten - und dann
mal schauen was rauskommt.
Drückt mir die Daumen!
19.Etappe
Lagerkoller
IM BUS AUF DEM WEG NACH MADRID, 15.09.06.
Nochmal eine schwere Etappe -
aber es war die letzte!
Nun langsam wird es auch Zeit,
dass die Rundfahrt rum geht.
Es ist ja schon meine zweite
dreiwöchige, die ich auch zu Ende fahre.
Und gegen Ende der Saison wird
jetzt alles ein noch bisschen nerviger.
Der Lagerkoller macht sich breit.
Wir sind nur noch zu dritt,
um so mehr geht man sich
nun langsam auf die Nerven.
Die Stimmung ist gereizter.
Aber alles noch im grünen Bereich.
Das gehört eben auch dazu.
Und die Stimmung wird morgen und übermorgen garantiert
immer besser, da es bald heimgeht...
Und vielleicht geht für mich am Sonntag
ja auch noch was wie beim Giro in Mailand,
wer weiß?

Foto: Roth
|
Das Rennen heute ging gar nicht rum.
Es begann mit einer 27-minütigen
neutralen Phase, der Start weit
draußen vor der Stadt.
Und dann passierte erst mal gar nix.
"Die Ruhe vor dem Sturm!",
warnt uns Reimund aber schon mal.
Und es war auch so. Vor den Bergen begann die
erwartete Attackiererei dann.
Das Feld aufgereiht
wie an der Perlenschnur.
Ich war schon am Klemmen.
Denke, wenn das so weitergeht
in die Bergwertungen,
dann Gute Nacht.
Aber bei KM 50 stand die Gruppe endlich,
ab da wars objektiv betrachtet
okay. Vom Gefühl her
wars aber eher schwer.
Mir kams vor, als
ob wir heute nur hochgefahren sind,
obwohl es ja eigentlich
hoch und runter ging.
Aber eben nicht
weit runter, dass man
mal durchschnaufen kann.
Astana machte vorne Tempo
und wir hängen da hinten.
Schlechte, enge Straßen. Die Zeit ging nicht rum.
Zum Quatschen
war auch keiner da oder
es ging gerade nicht wegen
des Rennens.
Bei KM 160
kommen wir wieder auf eine breitere Straße.
40km vor Schluss meinte CSC,
sie müssten unbedingt nochmal
attackieren. Das musste nun wirklich
nicht mehr sein, brachte natürlich auch gar
nix ein.
Die letzten 30km
rollten wir so mit. Mit
unseren Freunden von Bouyigues
Telecom, die wie wir
nur noch zu dritt
sind, flachsen wir rum.
Ich komme an Beneteau
vorbei: "Wieviele habt ihr
im Feld vorne?", frage
ich. Er: "Zwei".
Ich lache: "Na wartet, das nutzen wir, jetzt
kreiseln wir Gerolsteiner!"
Nach der Zielankunft gings
in den Bus, kurz frisch gemacht,
dann Transfer nach Madrid.
Fast drei Stunden sind wir unterwegs.
Da kommt uns natürlich unser
Luxus-Bus gerade recht. Da kann mans
aushalten.
Gegen 21:30 Uhr werden wir im Hotel sein,
Massage wird wohl ausfallen,
Essen, dann ins Bett.
Morgen gehts schon wieder früh weiter.
Aber beim Einzelzeitfahren
fahre ich locker wie beim letzten Mal.
Da habe ich danach gewonnen...
Also, ich freue mich jetzt
auf Madrid (und noch mehr auf zuhause!).
18.Etappe
Noch so ein ekliger Tag
GRANADA, 14.09.06.
Das war wieder so ein ekliger Tag.
Man hofft ja immer, dass es ruhig wird,
dass eine Gruppe früh
geht und die Favoriten
still halten bis zum Schluss.
Aber es kommt halt immer
anders.
Heute wollte erst gar keiner fahren.
Die ersten 5km schien
niemand Lust zu haben.
Dann attackierte einer von Bouyigues
und die Schlacht war eröffnet.
Zeitig setzten sich 7 Mann ab,
Dahinter klemmte
sich sofort Caisse d'Espargne
und machte Tempo.
Die wollten wohl Astana auf Trab halten.
Nach 20, 30km hatten
sie alle erstmal genug, allgemeine
Pinkelpause, nachdem Vino
das Signal gab.
Danach gings so
weiter wie vorher.
Caisse fährt Vollgas,
die wollten wohl unbedingt verhindern,
dass die Gruppe durchkommt.

Fotos: Roth
|
War nicht schön zu fahren. Es hatte Wind
und das Feld ist voll den ersten Berg hochgeknallt.
Oben lag die Gruppe 1:40 Minuten vorne,
da hat Valverdes Team rausgenommen.
Dann wieder schnell, dann wieder langsamer.
Da war irgendwie keine Logik drin.
Vielleicht dachten sie,
dass Valverde mit einem Etappensieg zusätzlichen
Bonus bekommt. Aber die Taktierei
war ja nachher hinfällig.
Beeindruckend, wie Kashechkin und
Vino heute fuhren. Mir scheint,
die sind eher zu stark,
als Valverde zu schwach.
Wir fuhren nur hoch, runter.
Auf meinem Vorbau
ist das Etappenprofil draufgeklebt.
Das hätte ich heute
gleich wegwerfen sollen.
Man orientiert sich daran
ja, stellt sich mental ein:
"So, Frösi, den Berg noch, dann erst mal 50km runter",
denke ich mir. Ich holte noch Getränke
für die anderen, mache
noch Späßchen mit dem Sportlichen Leiter.
Schaue hoch: Wow, da stehen Leute in
der Wand - da müssen wir wohl hoch!
"Sorry, Jungs, wussten wir auch nicht,
aber da kommt noch ein Hügel...",
sagt der Sportdirektor per Funk.
Die haben ja dasselbe Profil.
Die Organisation müsste es doch mal hinbekommen,
ein halbwegs stimmiges Profil zu drucken.
Sonst können sie es auch gleich sein lassen.
Solche Überraschungen braucht man jedenfalls wirklich
nicht.
Mein Ziel war heute,
bis 20km vor dem Ziel im Feld zu bleiben.
Die erste 30-Mann-Gruppe ließ
schon 30km vor Schluss gehen.
Ich blieb mal lieber vorne noch dran.
Bloß jetzt nicht noch
was riskieren, dass man wegen
einer dummen Windkante
nachher das Limit verpasst.
Inzwischen sind die Leistungsunterschiede
hier sehr krass.
20 Mann vorne, dann noch mal
20 Mann, die stark sind.
40 so normal und 50
mit Problemen. Da muss man aufpassen,
nicht zum falschen Zeitpunkt in die
falsche Gruppe zu kommen.
Der letzte Berg hatte
heftige 15-Prozent-Rampen
und war 8 Grad kalt.
Nach der Hitze vorher unangenehm.
Wir sind nach dem Rennen extra im Auto runtergefahren,
das dauert zwar länger,
als auf dem Rad, aber ich hatte
keine Lust mehr heute auf Radfahren.
Ich dachte, es würde heute
ein relativ einfacher Tag,
aber er hat doch auch wieder
Körner gekostet.
Vor der Etappe morgen
haben viele im Feld Respekt.
Wir haben heute im Peloton viel darüber geredet.
200km hoch, runter - plus
27 Minuten (!) Neutralisation am Anfang,
was auch immer das soll.
Morgen ist die letzte Chance
für Ausreißer. Da will sicher
das halbe Feld in Gruppen rein und
das bedeutet, dass es vermutlich lange hektisch wird,
bis endlich die Gruppe steht.
Im Hinterkopf bei mir
ist, dass man morgen im Ziel praktisch in Madrid
ist. Also, nochmal
ein ekliger Tag -
aber dann ist es auch genug...
17.Etappe
Durchhalten!
GRANADA, 14.09.06. Heute gehts mir nicht so dreckig
wie gestern. Ich habe mich glücklicherweise
über Nacht sehr gut erholt,
gut geschlafen. Die Beine tun jetzt immer
weh, aber es fiel mir heute wieder
etwas leichter, auch ein bisschen aufs Pedal zu drücken.
Das Rennen begann bei KM 0.
Die ersten 10km gings am Meer
entlang, Attacke
folgte auf Attacke.
Eine 32 Mann-Gruppe setzte sich ab.
Zwei Drittel unserer Mannschaft dabei (Heinrich und Hieke...).
Ob sie die Gruppe fahren lassen?
Bei sovielen gibt es aber eigentlich immer
irgendwen, dem einer vorne nicht passt. Und
so kam es auch. Discovery
hat Tempo gemacht, es wurde voll
geblasen. Es ging leicht hoch und
100 Mann fuhren Reihe. Ich hing
da wie's Fähnchen im Wind.
An der ersten Bergwertung
habe ich abgestellt, ich fahre meinen Rhythmus.
Von vorne kommen nach einer
Weile Clerc, Poitschke, Bas Giling.
Ich hab mich wieder aufgerappelt,
kam an sie dran. Jetzt gings bei mir wieder
flotter. Vor mir sehe ich meine
Freunde von Liquigas,
mit denen ich gestern schon
hinten fuhr. Wartet, Jungs, heute
seht ihr mich mal von hinten kommen!
Ich fuhr zu denen auf, eine 10-Mann-Gruppe
fand sich. Wir sind
voll Anschlag gefahren.
Ich wusste erst gar nicht,
warum, bis ich mitbekomme,
dass vor uns ein großes grupetto ist.
Genau an der Bergwertung kommen
wir da ran.
Das war knapp! Denn nach
der Bergwertung
gab es keine Abfahrt, in der man wieder
hätte hinspringen können,
es war so ein Plateau.
Da allein hinterher fahren,
das wäre was geworden.
Nun zog sich das Rennen hin.
Im grupetto, das
gar kein richtiges mehr ist,
weil schon soviele Sprinter
draußen sind, fuhren wir
im Flachen zügig, am Berg
ruhig, dass alle mitkamen.
Der letzte Berg war steil,
aber wir fuhren piano.
Die Etappe war - bis auf das eklige Tempo
am Anfang - eigentlich ganz okay.
Unser Hotel heute direkt
am Ziel. Ist schon komisch,
nur noch zu dritt zu sein.
Heute abend haben unsere
Betreuer auch noch auswärts gegessen,
da kamen wir drei Rennfahrer uns doch ein bisschen verloren vor.
Bouygues Telecom ist auch hier untergebracht.
Die sind auch nur noch zu dritt.
Die haben schon Witze gemacht:
Lass uns doch unsere Teams zusammenlegen,
dann sind wir immerhin schon sechs!
Morgen noch mal durchhalten.
Ich hoffe eigentlich auf
ein ruhigeres Rennen,
aber jetzt wo Vino das
Gelbe hat und es so knapp ist,
da wird
das nicht ruhig, fürchte ich.
Naja, aber Madrid kommt näher.
Klar, dass ich da hin will.
Vielleicht geht noch was!
Bis morgen!
16.Etappe
Allein mit persönlichem Kommissär
ALMERIA, 12.09.06.
Wow, was ein Tag!
4200 Höhenmeter auf 145km.
Heute abend will ich mich nur noch
hinlegen und in Ruhe sterben...
Die Etappe begann zügig.
Die ersten 40km ging es leicht berghoch.
Ich fuhr schön im Feld, ich fühlte
mich gut. Oh, denke ich,
das geht ja besser als ich dachte.
Nach einem Ruhetag ist das immer
so eine Sache, da weiß man nie,
wie man sich fühlen wird.
Den ersten Berg fuhr ich von vorne.
Aber dann begann ich zu schwitzen,
mir wurde warm. Das gute Gefühl war schnell weg.
Ich wurde durchgereicht,
aber ich machte mir noch keine Sorgen.
Lass Dich durchs Feld spülen,
irgendwann findest Du Deine Guppe,
denke ich.

Fotos: Roth
|
Irgendwann überholt mich Renshaw
von hinten. Clerc auch.
Das sind normalerweise
meine Leute bei solchen Bergetappen.
Viele waren nicht mehr hinter mir.
Ich habe mich weitergequält.
Napolitano und Backstedt
hinter mir, ich drittletzter.
Gar nicht gut. Aber
ich darf nicht in Panik geraten,
nicht überreißen. Wenn ich da
ans Limit gehe, stehe
ich irgendwann am Straßenrand.
Man lernt seinen Körper kennen
im Laufe der Jahre auf dem Rad.
Dann kommen von vorne zwei von Liquigas,
einer von Relax, einer von Quick Step.
Renshaw tauchte auf, Backstedt
kam von hinten. Es war eine ordentliche Gruppe.
Zu siebt sind wir über die Kategorie 1-Wertung,
dann nach der Abfahrt
kam gleich eine Gegenwelle.
Dort sind die zwei Liquigas
richtig reingezogen, ich ging
sofort fliegen.
Renshaw, der von Relax und
ich sind mehr als Einzelkämpfer
gefahren. An einem 11-Prozent-Steilstück
fuhr ich 6km/h.
Jetzt reicht es mir.
Ich denke an Aufgeben.
Es wäre so einfach: Absteigen,
schön was trinken, die Quälerei wäre
im Nu vorbei.
Aber andererseits:
Sich die restlichen Etappen zuhause
im Fernsehen anschauen zu müssen,
das ist noch viel schlimmer.
Und wenn ich heute ausgestiegen wäre,
hätte es doch geheißen,
siehste, nach dem Sieg quält er sich nicht mehr.
Nun, gequält habe ich mich
heute aber wirklich...
Berghoch stürzte der
von Relax auf einmal und blieb liegen.
Renshaw fällt nach hinten ab.
Nun bin ich wieder allein,
wie schon seit KM 40.
Allein auf weiter Flur kann man schon mal
eine Flasche nehmen und es sich ein bisschen
leicher machen. Aber
ab KM 80 hatte ich
den Rennkommissär Nr. 125
als persönlichen Geleitschutz...
Zwei Polizisten vor mir,
der Kommissär neben mir
und unser Auto hinter mir. Und
ich mitten drin.
Das nervt alles, aber
dem Kommissär kann ich ja
schlecht sagen, er solle sich davonmachen...
Ich hatte inzwischen gehört,
dass Napolitano und
Renshaw ausgestiegen sind.
Also war ich
nun Letzter.
Nach einer Weile kam einer von FdJeux
von vorne, den habe ich hinter mir gelassen.
Ich fand meinen Rhythmus
wieder etwas. Die Zuschauer
schrien nur nach Flaschen.
Geschoben hat keiner.
Oben gings dann erstmals durchs Ziel.
12 Minuten lag ich
hinter der Spitze und
noch 57km zu fahren.
Das wird eng.
Also bergab volles Risiko -
Regen hin oder her...
Ich habs knallen lassen,
mein Sportdirektor Gianni (Faresin)
hinter mir hat gehupt, es
war wie beim Zeitfahren.
Volles Risiko in der Abfahrt,
denn das ist meine einzige Chance,
wieder ein bisschen Boden gutzumachen.
Ich sah einen von Relax
am Straßenrand liegen,
der Krankenwagen da.
Das habe ich gar nicht
an mich rangelassen. Egal,
weiter, wenn ich stürze,
stürze ich halt. Ist mir jetzt wurscht.
Nach der Abfahrt ein Kreisel und
plötzlich bin ich auf einer sechsspurigen Autobahn.
Kilometer weit vor mir kein Schwein zu sehen.
Also ich mit 32km/h gegen den Wind mit
meinen zwei Polizisten,
dem Kommissär und dem Auto
um mich rum. Es ging gar nicht vorwärts.
Ich habe nach einer Weile
nicht mehr nach vorne geschaut,
nur noch den Kopf runter und
die Straßenmarkierung gesehen.
Nicht nachdenken.
So bis an den Schlussanstieg.
Gianni reichte mir noch eine Cola, was Schokolade.
Die letzten Reserven mobilisieren.
Meine 84 Kilo den Berg hochwuchten.
Gib den Kletterflöhen mal
einen 20kg-Rucksack, dann sehen
wir mal...
Sechs Kilometer vor dem Ziel höre ich den Funk
von unserem ersten Fahrzeug.
So nahe bin ich dem?
Zwei Kehren über mir sehe ich Heinrich (Haussler).
Vier Kilometer vor Schluss war ich an ihm dran.
Wie ich später erfahren habe, hatte
er brutale Knieschmerzen, nachdem
er sich verrenkt hat.
Ich blieb bei Heinrich und
irgendwann war es vorbei.
In den Bus, Ende.
Ich sags ja jedes Mal bei solchen
Etappen, aber ich weiß nicht,
wie oft man sowas machen kann.
Das ist ein solcher Kampf
gegen Dich selbst,
sehr schwer zu beschreiben.
Auf der Fahrt ins Hotel habe ich geschlafen,
auf der Massagebank
bin ich auch gleich eingeschlafen.
Und jetzt will ich nur schnell ins Bett.
Morgen kommt die nächste Bergetappe.
Zweiter Ruhetag
Auf den Lorbeeren ausgeruht...
ALMERIA, 11.09.06.
Gestern abend haben wir noch ein bisschen meinen
Sieg gefeiert. Gegen halb 1 kam ich ins Bett.
Bis heute um halb 10 Uhr geschlafen,
und sehr gut geschlafen.
Beim Frühstück saßen wir
heute alle an einem Tisch.
Nachdem Hasi nun auch ausgestiegen ist sind
wir nur noch drei Fahrer (Heinrich Haussler,
Hiekmann und ich) und sieben Betreuer
(zwei Mechaniker, zwei Physios,
Sportdirektoren Reimund Dietzen und Gianni Faresin
und der Busfahrer). Da passen wir
alle an einen Tisch. Gefällt
mir viel besser, als die sonst
übliche Trennung zwischen
Fahrer- und Betreuertisch.
Die Gespräche am Tisch sind
irgendwie lockerer,
abwechslungsreicher.
Nach dem Früstück hat uns Reimund verdonnert,
zwei Stunden Rad zu fahren.
Reimund und Gianni und
Yahoo, unser polnischer
Physio sind mitgefahren.
Mit zwei Ex-Profis wie Reimund und Gianni sollte
man besser nicht am Ruhetag
trainieren fahren...
Von wegen gemütlich! Die beiden sind
großes Blatt gefahren,
da gings zügig übers Land. ;)
Nach einer Stunde hatte ich
genug. Musste noch ein bisschen
Überzeugungsarbeit leisten,
aber dann sind wir zurück.
Zwei Stunden reichen nun wirklich am Ruhetag.
In Almeria haben
wir noch an einem Strand-Cafe
Station gemacht.
Das Meer sah so verlockend aus,
da bin ich kurzerhand reingesprungen.
Haussler und Hiekmann kamen auch mit.
Danach zurück ins Hotel.
Um halb drei Mittagessen.
Im Zimmer habe ich dann
ein bisschen meinen Koffer
sortiert, ich war ein bisschen im Internet,
was man so macht.
Um sechs Uhr war Massage abgemacht.
Vorher habe ich mich noch ein bisschen aufs Ohr gelgt und
um halb sieben klingelt mein Telefon.
Wo bleibst Du, fragt mein Physio.
Ich habe so gut geschlafen.
Draußen war es schon wieder dunkel.
Wahnsinn, wie schnell ein Ruhetag
vorbeigeht,
obwohl man gar nichts
produktives macht.
Der Ruhetag war besonders
erholsam nach dem Sieg gestern.
Alle im Team waren viel lockerer,
man hat gemerkt, dass auch bei
den Sportlichen Leitern die Anspannung
weg ist. Letztes Jahr hat
Heinrich eine Etappe gewonnen,
da waren die Erwartungen
durchaus groß und
es hätte leicht mit einer Nullrunde
enden können. Nun haben wir einen Sieg zu Buche stehen
und die Welt ist in Ordnung.
Für mich persönlich ist
es irgendwie ein komisches Gefühl,
weil der Erfolg so schnell verfliegt.
Heute ist das schon wieder Geschichte.
Alltag ist wieder da.
Ich bekam viele
Glückwünsche, auch an dieser Stelle nochmal Danke!
15.Etappe
"Schon ein geiles Gefühl..."
ALMUSSAFES, 10.09.06.
Eigentlich war das eine ziemlich
doofe Etappe.
Ich würde jetzt schreiben,
dass es eine der langweiligsten Etappen
war, wenn ich nicht gewonnen hätte.
So war es natürlich einer
der schönsten Renntage des Jahres!
Der Sieg tut gut, zumal
ich den Sieg beim Giro bestätigen konnte.
Giro, Vuelta - klar,
mein nächstes Ziel muss jetzt sein,
auch mal eine Etappe der Tour
de France zu gewinnen.
Beim Giro habe ich die Schlussetappe gewonnen,
da gings nach dem Rennen alles hopplahopp.
Heute konnte ich mit der Mannschaft
- mit den Betreuern und den drei Kollegen, die noch da sind -
den Sieg ein bisschen gemütlicher auskosten.
Foto: Roth
|
Das Rennen begann sehr ruhig.
Zwei sind zeitig weggefahren und
das ging ganz ohne Trara.
Nach 6km kehrte schon Ruhe ein im Feld.
Mit 30km/h sind wir dahin geplätschert
und es hieß Warten auf den Sprint.
Auf der Karte sah es aus,
als ob es nur runter ging,
aber es war ständig hoch, runter.
Unangenehm. Aber ich habe mich dann am Riemen gerissen.
Das war schließlich die letzte Chance
bis Madrid. Über Funk hat
Reimund (Dietzen) immer
wieder die Devise ausgegeben: Jungs, wir
müssen alle an einem Strang ziehen,
wenn wir gewinnen wollen.
Bei der Mannschaftsbesprechung
habe ich heute früh gesagt,
dass ich gerne meine Chance suchen
will, aber dass ich rechtzeitig Bescheid
sage, wenn ich mich nicht gut fühle.
In der ersten Woche habe ich das
mehrmals tun müssen. Heute nicht.
Ich fühlte mich gut, ich wollte
unbedingt im Sprint reinhalten und
schauen, was rauskommt.
25km vor dem Ziel waren die Ausreißer eingeholt.
Nun lief das normale Prozedere.
Quick Step macht Tempo, Milram,
wir zu viert auch ein bisschen.
Hiekmann hat bis 8km geackert.
Dann übernahmen Haussler und Hasi (Haselbacher).
Hasi pilotierte mich, hielt mich aus dem Wind.
Ich habe heute unheimlich viel geredet,
ihn ein bisschen geleitet,
so wie ich es haben wollte.
2km vor dem Ziel ging Haussler raus.
Hasi drängte es nach vorn,
aber ich habe immer wieder gerufen:
Noch nicht, Hasi! Mach ruhig, noch zu früh, noch zu früh!
Bei 1200 Meter hat er es aber nicht mehr ausgehalten und
ich habe auch nichts mehr gerufen.
Okay, lass uns jetzt fahren, denke ich.
Hinter Napolitano
hat er mich abgesetzt.
Ein schönes Hinterrad.
Napolitano und einer seiner Helfer
und Petacchi vor mir. Milram
fährt mit vier Mann an.
Bei 700 Metern hatte ich das Gefühl,
dass wir langsamer werden und ich hatte schon Angst,
dass links und rechts
Fahrer von hinten kommen und uns überrumpeln.
Aber das Gefühl kann auch getäuscht haben.
Napolitano wartete und wartete.
Plötzlich macht Petacchi da
Spirenzchen, schiebt Napolitano, obwohl da reichlich Platz war.
"Was machen die denn da?", denke ich.
Ich schaue wieder nach vorne -
Hey, gleich ist das Rennen vorbei...
Endlich geht Napolitano los,
ich gehe vorbei. 25 Meter
und ich bin vorne. 10 Meter, 5 Meter
- ich bin immer noch vorne. Ich denke,
dann wird wohl keiner mehr kommen
und nehme die Arme hoch.
Das läuft bei mir im Kopf
wie im Film ab.
Ich habe das vorhin nochmal im Fernsehen angeschaut.
Aber das sieht dort
ganz anders aus, als man es aus eigener Sicht erlebt.
Nach dem Ziel empfängt mich unser
Physio und jubelt.
Das ist das geilste Gefühl,
wenn man sieht, wie sich
die anderen mit einem freuen.
Unsere Physios und Mechaniker
arbeiten jeden Tag so hart.
Der Sieg bedeutet auch für
sie viel. Alle haben erzählt,
wie sie den Sieg erlebt haben.
Unsere Mechaniker Jochen und Andy im zweiten Auto haben
bei 2km angehalten,
damit sie im Auto-Fernseher
klaren Empfang haben.
Reimund, der kein TV im Auto hat, bekam
es erst mit einminütiger
Verspätung mit.
Wie gesagt, man merkt
an deren Reaktion, dass
man doch etwas erreicht hat.
Meine Freude, der Jubel währt
jetzt nur kurz, aber man hat doch schon
etwas erreicht, dass ein Rennfahrerleben
hält. Schon ein geiles Gefühl...
Dann gings aufs Podium.
Unser Physio wäscht mir
hinter den Kulissen kurz das Gesicht,
ich wechsele das Trikot.
Dann steht einer da, zählt runter
wie beim Zeitfahr-Start.
5, 4, 3, 2, 1 - raus. 10
Sekunden Live-Sendezeit im Fernsehen.
Küsschen, Küsschen, Blumen.
Und wieder runter.
Dann Pressekonferenz.
5 spanische Journalisten.
Einer fragt nach Altig,
Ullrich und der neuen deutschen Rennfahrergeneration.
Aber ich habe gerade vor ein paar Minuten eine Vueltaetappe gewonnen.
und mir steht jetzt nicht so der Sinn nach
tiefschürfenden Analysen des deutschen Radsports
im allgemeinen...
Im Hotel hat meine Mannschaft heute abend
wahrscheinlich schon geglaubt,
der Frösi ist nach dem Sieg jetzt ganz
bekloppt. Ich kam in mein Zimmer
- ein fürchterliches, dumpfes Brummen von irgendwoher.
Was ist das? Klimanalage?
Ich rufe einen unsere Physios.
Hör Dir das mal an, ich kann doch so nicht schlafen!
Kein Problem, ich soll das Zimmer
von Faresin, unserem zweiten
Sportdirektor nehmen.
In dessen Zimmer das gleiche Brummen.
War eben aber nicht da, meint er.
Haben rumgerätselt, was das sein könnte.
Die Wasserleitung auf dieser Gebäudeseite vielleicht?
Nimm mein Zimmer, sagt Reimund.
Gibts nicht: In dessen Zimmer
das gleiche heftige Brummen.
Dann kamen wir endlich drauf,
dass das Brummen von der angegangenen elektrischen Zahnbürste in meinem Koffer
stammt... Peinlich!
Aber als Sieger darf man sich solche
Eskapaden erlauben! Wir
haben dann noch den Sieg
gebührend gefeiert und
mit Sekt drauf angestoßen.
14.Etappe - Zeitfahren
Ein halber Ruhetag
CUENCA, 09.09.06. Das
war ein lockerer Tag. Ruhetag
nicht ganz, aber schon
ein halber. Viel zu berichten gibts
heute auch gar nicht.
Deiviertelstunde Rad gefahren - und
sonst fast gar nichts gemacht...
Um 7:30 Uhr aufgestanden.
Ich war schon kurz nach 11 Uhr dran. Mit
den Autos fuhren wir
zum Start. Noch ein bisschen
Fernsehen geschaut im Bus
und ein bisschen warmgefahren.
Fünf Minuten
vor dem Start
aus dem bequemen Bus
und dann gings los.
Die Strecke hatte
ich mir gar nicht angeschaut.
Ich wollte das nur
locker zu Ende bringen,
kein Problem mit
der Karenzzeit zu bekommen,
war mein Ziel.
Nach 5 Kilometer sagt Reimund (Dietzen),
der bei mir im Begleitfahrzeug saß,
über Funk, dass ich gleich
Besuch bekäme. Der nach mir gestartete Cancellara
kam vorbei. Ich rechnete
ein bisschen - 6 Minuten
Rückstand, das wird reichen.
Also so weiter.
Berghoch habe ich immer
was rausgenommen,
im Flachen wieder bisschen draufgetreten.
Den Engels von Quick Step
hatte ich immer vor mir in Sichtweite.
Da konnte ich ganz gut einschätzen,
wo ich lag und konnte
das ganz gut und ohne Schmerzen
hinter mich bringen.
Vom Ziel aus auf dem Rad zurück zum Start:
Alle Sportlichen Leiter
wollen im Auto zurück,
Polizei mit Blaulicht,
alle Ampeln rot.
Chaos pur. Im Bus geduscht,
auf Heinrich (Haussler)
und Hasi gewartet,
dann zurück ins Hotel.
Massage, dann war für mich Feierabend, Erholung angesagt.
Morgen gibts eine Flachetappe
und ich rechne mit einem Massensprint.
Es wird eine der letzten Chancen sein.
Mein Ziel ist es dann natürlich,
im Sprint vorne mit reinzuhalten.
Ich hoffe, dass ich mich
heute ganz ordentlich erholt habe
und die Beine gut sind.
So fühle ich mich gut, aber
die Frage wird sein,
ob ich im Sprint auch die nötige
Explosivität habe.
Es wäre für die Moral schon ganz
gut, vor den Bergetappen ein gutes Resultat
zu holen. Dann fällt es
leichter, sich über die Berge zu quälen - im Hinblick
auf Madrid...
13.Etappe
"Es juckte in den Beinen"
CUENCA, 08.09.06.
Wieder ein ziemlicher Heavy-Tag.
Bei KM 0 ging gleich eine Rampe hoch,
aber vorne haben dort einige
der dicken Sprinter die Straße blockiert,
damit sie den Hucken dort nicht wieder
gleich im Mordstempo hochjagen.
Mir wars natürlich nur recht,
dass es gemütlich losging.
Ich bin sicher, dass das auch einigen
heute das Leben gerettet hat.
Es war ein ekliges
Profil und dazu schlechte Straßen und
große Hitze. Vor allem die Hitze
macht hier das Rennen schwer,
das kostet unheimlich Körner.
Ab KM 10 begann richtig Radrennen.
Ein Gespringe ohne Ende.
Mal ging eine große Gruppe,
die wurde wieder eingeholt,
dann die nächste Gruppe usw.
Nach einer Stunde an
der zweiten Bergwertung
setzte sich die Gruppe mit Rebellin und
Boogerd ab.
Die haben sie fahren lassen
und es wurde ruhiger.
Einige Versprengte kamen wieder
zurück ins Feld. Ich hatte heute
ganz gute Beine, konnte
ganz gut im Feld mitfahren.
Mit Rebellin und Co. vorne
dachte ich, das war der Tag, jetzt passiert nix mehr.
Schließlich war das eine Supergruppe.
Aber irgendwann mauschelten
Bettini und sein Kumpel
Paolini.
Offenbar hat es Bettini nicht gepasst,
dass Rebellin vorne war.
Erst machten drei Quick Steps
Tempo, nachher alle.
Und Liquigas half mit.
Nach dem Rennen war
Rebellin nicht besonders
glücklich. Dass
Bettini und Paolini zusammengearbeitet
haben, war ja offensichtlich.
Warum? Vielleicht
gings um die WM, dass
Rebellin nicht auf die Gedanken kommt,
eine Kapitänsrolle zu beanspruchen?
Tja, große italienische Oper...
Die letzten 50km im Feld
fuhren wir heute Anschlag,
60-65km/h, bei der Reisegeschwindigkeit war
nicht mehr viel Platz für Attacken.
Gefährlich waren wieder die Kreisverkehre.
Da versuchen immer mal wieder
welche abzukürzen,
auch wenn nur die eine Seite
offizielle Rennstrecke ist. Da gibts oft
Chaos. Unten am letzten Berg
juckte es mir in den Beinen.
Soll ich mal attackieren?
Könnte ja mal was versuchen,
wenn, dann kann ich ja auch mit fliegenden
Fahnen untergehen. Aber
die sind dann doch mit solch einem
Tempo da hoch,
dass sich meine Ambitionen
doch bald erledigt hatten.
Unzählige kamen zurück.
Dann habe ichs ganz gelassen.
Für Platz 50 vergeude
ich keine Körner bei dieser Hitze.
Ich habe auf Rebellin gewartet
und bin mit ihm rein gefahren.
Morgen hoffe ich auf
einen halben Ruhetag.
Beim Zeitfahren geht
es für mich nur darum, kein Problem mit der Karenzzeit
zu bekommen, um sonst nichts.
Wer Chancen auf die Top 10 hat - im Gesamtklassement
und/oder der Etappe - fährt voll,
der große Rest machts locker.
Ich starte schon
früh um 11 Uhr und ich hoffe,
dass ich dann den Rest des Tages zum Erholen nutzen kann.
Der Körper wird bei der Hitze hier
doch sehr beansprucht und
ich fahre eigentlich seit Januar
durch ohne größere Pause.
Vielleicht geht noch
was hier bei der Vuelta,
aber morgen sicher nicht.
12.Etappe
"Das war nicht unser Tag"
GUADALAJARA, 07.09.06.
Das war nicht der Tag von Team Gerolsteiner:
Drei Mann ausgeschieden,
ein kaputter Bus, kaputtes
Material, verletzter Mechaniker und ein ausgeschlagener
Zahn ist unsere Tagesbilanz...
Aber der Reihe nach.
Die Etappe begann wie immer:
Wir pillern bis KM 0 und
ab da kann man sich gleich anschnallen.
Ich lege schon gleich das große
Kettenblatt auf,
weil ich weiß, dass
da garantiert sofort irgendeiner
von hinten sofort vorbeischießt.
So war es auch heute.
Das Feld gleich auf Kante.
Monty (Sven Montgomery)
war ziemlich weit hinten und
musste nach 3km reißen lassen.
1km später auch
Andrea Moletta, dem es
nicht gut ging und
der ein bisschen Fieber hat.
Eine Weile ging das Gespringe weiter.
Alle fahren Anschlag bis nach 20km endlich
eine Gruppe stand. Hasi von uns dabei.
Aber Milram wollte die nicht weglassen.
Kurz darauf sind
auch Lampre und Cofidis eingestiegen und
zu neunt haben sie das Loch auf Biegen und Brechen zugefahren.
Über Funk bekomme ich mit,
wie (Sportdirektor) Reimund (Dietzen)
Monty aufmuntert: "Komm, Monty, quäl Dich."
Ich dachte nur, der arme Kerl.
Wir fuhren vorne 65 km/h und
Du musstest da im Feld aufpassen drinzubleiben.
Unmöglich,
dass Monty sich da wieder ranarbeitet.
Als wir unten an der Deier-Bergwertung
ankamen, haben wir die Gruppe
um Hasi wieder eingeholt. Es begann zu regnen,
was ich aber als sehr angenehm empfand.
Ich habe mich gut gehalten,
fühlte mich richtig gut.
Ich bekomme über Funk mit,
dass sich Fothen eine Regenjacke holen will.
Ich denke: Jetzt? Ob das so eine gute Idee
ist? Die sind da hochgeknallt
und das Ding war für eine Kategorie
3 sehr lang. Über Funk höre ich,
wie Reimund Fötchen anfeuert:
"Los, komm, Du bist gleich wieder ran!"
Aber nach der Bergwertung
ist das Feld vorne 20km
mit Vollgas weitergebrettert.
Im Feld sind mehrere fliegen gegangen.
Und Fötchen allein dahinten muss
wohl dann seine Moral verloren haben.
Beim Essen vorhin meinte er,
es sei einfach nicht mehr gegangen.
Wir haben dann aber vorne im Rennen
auch noch Akzente setzen können.
Heinrich war sehr stark heute und
war in der Gruppe,
die sich nach der Verpflegung
absetzte, dabei. Dies war keine Zufallsgruppe,
sondern die darin waren wirklich die Stärksten.
Als die Gruppe weg war,
wurde es im Feld ruhig.
Ich dachte noch, jetzt kommt ja Fötchen bestimmt
noch zurück. Aber irgendwann
kommt ein Auto von uns vorbei,
das ziemlich tiefergelegt war:
Drei Rennfahrer drin.
Glücklich sahen die nicht aus.
Gegen Ende wurde es im Feld nochmal
schnell. Astana ist eingestiegen
wegen der Teamwertung, die für
die ProTour zählt. Das ist schon komisch.
Manchmal sind Gruppen optimal besetzt,
aber wegen der Teamwertung
wird dann trotzdem nachgefahren.
Discovery fährt allem hinterher,
wenn keiner von ihnen dabei ist.
Also die letzten 25km mit
einem 55er-Schnitt.
Alles nur für Astanas Teampunkte.
Im Ziel komme ich zum Bus -
die Motorklappe auf.
Da waren zwei Keilriemen gerissen.
Also im Bus geduscht, dann in
den Autos ins Hotel.
Da war heute wirklich sowas
von der Wurm drin:
Ein Werkstatt-Auto von uns
hat auch einen kaputten Keilriemen.
Der Druckluftkompressor ist hin,
der Hochdruckreiniger auch.
Ein Mechaniker hat Hexenschuss
und Hasi hat sich beim Essen
an einer Olive einen Zahn abgebrochen.
Das war wirklich nicht unser Tag!
11.Etappe
Willkommener Sommerregen
BURGOS, 06.09.06.
Es wird wieder heiß,
es beginnt wieder zu glühen.
Heute vor dem Rennen
haben wir uns nochmal
das Profil angeschaut,
ab KM 0 gings
gleich eklig hoch.
Die Hoffnungen
auf einen ruhigen Tag
habe ich mir gleich abgeschminkt.
Gleich nach dem Start attackierte
denn auch prompt
Relax. Freuer frei, Marianne...
Es wurde gleich Anschlag gefahren.
Ich bin vorne im Feld in den Hügel
rein und hinten im Feld
wieder raus.
Petacchi ließ am ersten Hucken auch gleich reißen.
Am nächsten Hügel gingen 10 Mann weg.
Unangenehm war vor allem
die Hitze, an dem Berg stand
die Sonne drauf, es
war irrsinnig heiß.
Als die Ausreißer weg waren,
wurde es ruhiger.
Die Kategorie-1-Bergwertung
war relativ gemütlich,
gutes Tempo, nicht zu steil,
nicht zu heiß. Mehr
kann man nun wirklich nicht erwarten.
Reimund (Dietzen), unser
Sportdirektor meinte,
die zweite Bergwertung sei
schwer. Wenn der das sagt,
dann ist die auch schwer.
8km lang, gleich unten eine 11-Prozent-Wand.
Dazu die Hitze. Hinten
gingen sie einzeln alle fliegen.
Ich habe mir Wasser über den Kopf gegosssen,
ein Fehler.
Wenn man nämlich damit mal anfängt,
braucht man immer mehr Wasser,
um den Kühlungseffekt zu behalten.
Aber woher nehmen? Glücklicherweise
standen einige Zuschauer am Rand,
die Flaschen reinreichten.
Von jedem Teamauto, das vorbeifuhr,
habe ich mir auch noch "Aqua"
erbettelt. So gings über den Berg.
Danach fanden sich wieder
die üblichen Verdächtigen zusammen.
Renshaw, Backstedt, Clerc.
Sind eigentlich immer
die gleichen, die man bei
solchen Anstiegen
hinten trifft.
Zusammen fuhren wir wieder ran ans Feld.
Kurz vor dem Ziel wurde
über Funk angesagt,
dass es gleich Regen gibt.
Alle haben sich Regenjacken
geholt. Ich war der einzige,
der darauf verzichtet hat.
Als es anfing zu regnen,
war das eine Wohltat.
Ich hab das Trikot aufgerissen -
ahh! Unterwegs hatte es auch mal kurz
getröpfelt,
aber da hatte es auf der Straße
60 Grad und es war wie
in einer Dampfsauna.
Am Ende ganz anders:
Etwas über 20 Grad,
kühles Nass von oben.
Ich war im Paradies.
Als wir Richtung Zielgerade
kommen, stellt sich die Frage: Sprinten
oder nicht? Vorne
fuhren neun Mann von
Caisse d'Espargne und
da sprintet man normalerweise nicht vorbei,
wenn die Jungs vom Gelben
nicht vorher rausgehen.
300 Meter vor Schluss
wurde dann aber plötzlich doch
gesprintet, konnte
noch ein bisschen mitfahren und
habe ein paar Euro
für die Mannschaftskasse geholt.
Ich sagte den Kollegen schon:
Macht Euch keine Sorgen,
das gebe ich in den nächsten Tagen
auch wieder aus.
Mit den Geldstrafen sind sie hier
nämlich schnell dabei.
Man braucht nur den Kommissär
schräg anschauen...
Heute abend haben wir noch ein bisschen
den Geburtstag unseres
Mechanikers Gianni gefeiert.
Schöner Tag eigentlich,
wenn nicht das lästige Radrennen
zwischendurch gewesen wäre... ;)
Bis morgen!
10.Etappe
"Wie Petacchi gefühlt"
SANTILLANA DEL MAR, 05.09.06.
Heute Nacht habe
ich super geschlafen,
unheimlich viel Zeugs geträumt,
aber gepennt wie
ein Murmeltier.
Um 8 Uhr klopfte
es an die Hoteltür.
Das kann nur eines
heißen: Unsere
Freunde Blutkontrolleure
sind da! Also
alle Mann runter, Blut
abzapfen lassen.
Sträußchen meinte heute morgen,
es ginge ihm schon wesentlich besser.
"Ich kann Dich doch nicht allein lassen",
meint er. Partout wollte
er weitermachen. Aber
beim Frühstück bekam er nicht
mehr als ein halbes Brötchen runter.
Der Doc meinte auch,
es hätte keinen Sinn,
er solle keinen Unsinn machen.
Man kann eine 200km-Etappe bei
einer großen Rundfahrt nicht halb krank
fahren, da riskiert man am Ende richtig
seine Gesundheit. Sträußchen hatte
ein richtig schlechtes Gewissen,
aufgeben zu müssen.
"Bist Du mir böse?", fragt
er. "Quatsch!", sage ich.
Fahr heim, kurier Dich aus.
Bei der Teambesprechung im Bus war
schon angesagt worden, dass
die Etappe heute eine für
Ausreißergruppen ist und dass wir
unbedingt
einen mit dabei haben müssen.
Die erste große Gruppe stand
so nach 20km, Hasi (Haselbacher)
von uns dabei, 18 Mann.
Das ist gelaufen, denke
ich mir schon. Aber
Discovery entdeckte
nach einer Weile, dass
sie keinen dabei haben und haben
mit allen Mann Tempo gemacht - selbst Braijkovic
hat mit gekreiselt.
Die Gruppe war bald wieder gestellt und
das Radrennen war neu eröffnet.
Es dauerte und dauerte,
bis die nächste Gruppe wegging.
Es ging im Mordstempo über einige
Hügel. Mit 55, 60 Sachen.
Wer soll denn da noch attackieren?!
An jedem Hügel habe ich 10 Positionen
im Feld verloren und
ich dachte so, wenn das
noch lange geht, gehe ich
irgendwann fliegen.
Aber es bildete
sich doch dann eine Gruppe.
Rebellin von uns dabei!
Perfekt. Wir haben uns gefreut
und schon mit einem ruhigen
restlichen Rennen gerechnet.
Erst mal wurde es auch dann ruhig.
Leider waren Karpets,
Mayo und Paulinho vorne dabei,
Männer, die im Gesamtklassement
gefährlich werden,
wenn man sie zu weit fahren lässt.
Also hat CSC Tempo gemacht.
Ab KM 100 haben
sie draufgetreten.
Die wollten das Loch nicht zufahren,
nur den Abstand im Rahmen halten.
Als die Gruppe 9 Minuten
Vorsprung hatte, wurde
im Feld richtig gekreiselt.
Gegen 18 Mann vorne
muss man schon auch fahren.
Die nächsten 50 Kilometer
ging im Feld die Post ab.
Viele fuhren am Limit -
ich auch. Das Peloton
kann man dann mit
einem Kaugummi vergleichen.
Zieht man es ganz lange
auseinander, wird es immer dünner.
Man kann lange ziehen, aber
irgendwann reißt es in der Mitte ab.
Ich habe für mich beschlossen,
dass ich bis zum letzten Berg
mitfahre, dann gehen lasse.
Mir war klar, dass die das Loch nicht
mehr ganz zufahren wollen und
dann ist es mir egal,
ob ich mit 5 oder 15 Minuten
Rückstand ankomme. 100. oder
150. im Gesamtklassement,
das interessiert mich nicht.
Am Ende habe ich noch
ein paar Flaschen geholt
für Teamkollegen.
Irgendwann kommt Monty
von hinten,
Fothen gesellte
sich zu uns und
zu dritt haben
wir dann die
letzten 15km ruhig
gemacht.
Ich fühlte mich schon wie
Petacchi, da mit zwei
"Teamhelfern" an der Seite.
Ich lache: "Jungs, jetzt fahrt mich mal nach vorn!"
Als wir ins Ziel kamen und
ich die Zielgerade gesehen habe,
wusste ich, dass ich es
richtig gemacht habe, heute
die Kräfte zu sparen für eine andere
Gelegenheit. Die Zielgerade
war mächtig schwer,
da hätte ich kein Land gesehen,
selbst wenn es zum Sprint gekommen wäre.
Nach dem Rennen
war das Hotel wieder eine ernüchternde
Erfahrung. Unser Haus liegt zwischen
Autobahn und Tankstelle.
Drei Sterne, aber da haben sie
sich wohl einen vom Nachbarhotel
ausgeliehen. Heute
freuen wir uns, morgen wieder umzuziehen...
Bei den meisten Hotels bisher
wäre man lieber noch was geblieben.
Die Etappe morgen -
eine typische Gruppen-Etappe, denke
ich. Für reine Sprinter
zu schwer,
für Bergfahrer hinten raus zu leicht.
Naja, mal schauen.
Ich will über die ersten Berge gut
vorne mit drüber kommen,
vielleicht gibts
ja doch einen Sprint.
Schaun mer mal, wie weit
mich die Beine tragen...
Bis morgen!
Erster Ruhetag
"...wollte schon die Schippe holen"
GIJON, 04.09.06.
Ein ruhiger Ruhetag.
Erholung war angesagt
und viel mehr, als auf
dem Bett rumgelegen und Fernsehen geschaut,
habe ich nicht gemacht.
Heute früh um halb 10 Uhr aufgestanden,
ich habe super geschlafen.
Frühstück,
dann sind wir eine Stunde
auf den Rädern gerollt
und haben uns
dann in Gijon
ein Cafe gesucht.
In der Stadt kurvten
noch mehr Mannschaften rum auf
der Suche nach einem Cafe
und ein bisschen Entspannung.
Auf dem Heimweg
sind Monty und ich mit
Marcel Strauß gefahren.
Dem gings gar nicht gut.
10km/h sind wir gerollt
und brauchten für
den kurzen Weg ins Hotel
eine Stunde.
Sträußchen ist mein Zimmergenosse
und ihm gings schon beim Aufstehen nicht
gut. Ganz blass, klagte über Magenprobleme.
Im Hotel hat er
sich gleich hingelegt.
Bisschen Fieber, hoher Puls.
"Lass mich einfach in Ruhe sterben",
meint er nur. Wollte schon die Schippe
holen, wie der aussah...
Man flachst halt rum, Galgenhumor.
Gestern ist er sicher übers Limit gegangen,
aber das merkt man erst einen Tag später.
Sträußchen konnte
den ganzen Tag nix essen.
Vielleicht erholt er
sich über Nacht, aber
ich bin nicht so sicher,
ob ers morgen noch mal
an den Start schafft.
Das wäre schon super-schade,
wo er sich am Sonntag so gequält hat.
Tja, ich habe wie gesagt
weiter nichts gemacht heute.
Bisschen im Internet gewesen,
Fernsehen. Zwischendurch mal ein Schläfchen. Nichts
spannendes. Wie gut ich mich
erholt habe, werde
ich erst morgen wissen.
Die Etappe morgen
200km hoch und runter.
Vermutlich nix für mich.
Aber über meine
Ziele mache ich mir jetzt sowieso noch
keine Gedanken.
Erst mal morgen früh schauen, wie ich mich
erholt habe.
Bis morgen
Frösi
9.Etappe
"Das lässt einen Jahre altern..."
LA COBERTORIA, 03.09.06.
Der Tag von heute - eigentlich
lässt sich sowas nicht beschreiben.
Das war sicherlich eine
der härtesten Etappen, die ich in meinem
kurzen Leben erlebt habe.
Das Profil ging Auf und Ab -
und genauso war es auch mit meinen
Kräften und meiner Moral.
Am Start habe ich gleich geschaut,
dass ich in einer vorderen Reihe stehe,
weil es nach der 8km langen neutralen Phase
gleich hoch ging.
Wir fuhren dort
erst recht locker, da keimte bei mir die Hoffnung,
dass es vielleicht doch nicht so schlimm
wird, aber nach 500 Metern
waren diese Illusionen vorbei.
20 Mann fuhren weg, hinten
alles sofort zerrissen.
Über die Bergwertung kam ich noch gerade
so mit dem Feld drüber, aber
danach gings direkt mit ekligem Tempo weiter,
hügelig. Nach 15 oder 20 km habe
ich reißen lassen.
Ich gondelte zwischen den Autos
rum. Dann auch noch einen Platten.
Als ich auf unser Auto warte,
habe ich mit dem Tag abgeschlossen.
Das wars für mich. Ab in den Flieger,
ab nach hause.
Reimund (Dietzen), unser
Sportdirektor kommt vorbei.
Ich sage: "Reimund, wo soll ich denn
heute noch hin? Noch 190km Berge,
ich stehe hier ganz hinten und die fahren
vorne voll Reihe." - "Komm, Frösi, versuchs
noch mal, die Gruppe vor Dir kriegst Du wieder",
meint Reimund. Also Vollgas und
ich kam tatsächlich an die Gruppe
wieder ran, allerdings genau vor
dem nächsten Berg. 1. Kategorie, 19km.
Nach 10 Metern falle ich wieder ab.
Kurz darauf kommt
mein Freund Sträußchen (Marcel Strauß) von hinten
angerobbt, den habe ich gar nicht mehr
erwartet. Ich sage zu ihm:
"Komm, wir lassen es. Noch 160km und wir hängen hier. Es hat doch kein Zweck."
Nun war es Sträußchen,
der mich aufgemuntert hat: "Fahr einfach, Frösi,
einfach nicht nachdenken."
So gings die 19km den Berg hoch.
Oben angekommen habe
ich mich wieder besser gefühlt.
Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen: Entweder
alles riskieren und in die Gruppe wieder
ranfahren oder ich steige aus.
Zum Dank für das Aufmuntern habe ich dann Sträußchen allein gelassen.
Es war aber noch ein Auto von uns hinten,
das wusste ich. In der Abfahrt
habe ich dann mein halbes Leben riskiert -
naja, vielleicht auch das ganze...
Ich holte ein paar Versprengte ein.
Über Funk höre ich Gespräche von Teamkollegen,
das heißt, die sind nicht so weit weg,
wenn ich noch Empfang habe.
Als ich am nächsten Berg
ankomme, sehe ich einen hellblauen von vorne kommen.
Fothen!
Dann noch einer: Haussler!
So haben wir dann eine
Dreiergruppe gebildet.
Und uns allen gings nicht gut.
"Was soll das noch?", meint
Föthchen und Heinrich sagt: Bis zur Verpflegung,
dann steigen wir aus. Darauf haben wir uns geeinigt:
Bis zur Verpflegung noch, dann
ist Schluss. Unser Tempo wurde
nicht langsamer.
"Die Petacchi-Gruppe ist 30 Sekunden
vor Euch, die könnt Ihr
kriegen", sagt Reimund über Funk.
Also noch ein bisschen auf die Zähne gebissen und
wir kamen ran. Schöne Gruppe,
Petacchi, Velo, Backstedt, Ongarato.
Wir kamen flott voran,
aber es war eine Qual,
zumal unsere Chancen, im Limit durchzukommen
gering waren.
Ich glaube, alle haben
ans Aufhören gedacht.
Petacchi diskutierte einmal
ziemlich lange mit seinem Sportlichen Leiter.
Bloß, in so einer Situation
will ja keiner als erster aussteigen.
Steigt man aus und
die anderen 14 kommen ins Ziel,
kann man ja nicht mehr in den Spiegel schauen.
Die anderen
quälen sich ja genauso wie Du.
Also hält man auch durch.
Als wir an
den vorletzten Anstieg, kamen,
hatte ich das erste Mal an
diesem Tag das Gefühl, dass wir
doch eine Chance haben, im Limit
ins Ziel zu kommen.
Mir war aber klar,
dass ich nur eine Chance habe,
wenn ich die Ehrenkategorie-Bergwertung
mit meinem Rhythmus fahre.
Nur war der heute so,
dass ich ein bisschen schneller
war als der Rest.
"Piano!", ruft Petacchi.
Aber was soll ich machen?
Ich muss meinen Stiefel fahren,
es geht nicht anders.
Heinrich (Haussler)
und Scheirlinx, der Belgier von Cofidis,
haben eine Gruppe gebildet.
Als wir oben ankamen
gibt Heinrich ein Zeichen: So, jetzt
lass uns runterknallen!
Wir sind volles Risko
gegangen. Mit 80, 90 Sachen
in die Kurve, auch
wenn man nicht weiß,
was dahinter ist.
Heinrich und ich sind beide gute Abfahrer.
Manche Kollegen halten uns für Wahnsinnige.
Angst habe ich keine, mir macht das Spaß.
Gefährlich ist es aber,
das muss man schon zugeben.
Zu dritt kamen wir schließlich
am letzten Anstieg an. 15km jetzt noch.
Unser Sportdirektor Gianni sagt,
wir wären 20 Minuten
hinter der Spitze.
Kurz überschlagen: Es könnte reichen,
wenn wir zügig fahren.
Mir geht es dreckig.
Ich sage: Heinrich, fahr!
"Ne", meint er, "wir sind solange zusammen
geblieben, jetzt fahren wir auch zusammen
ins Ziel." Irgendwann
sagt Reimund über Funk:
"Lasst Euch Zeit, Ihr schaffts!"
Aber ich kann gar
nicht mehr locker machen.
Wenn ich rausnehmen würde,
falle ich um.
Ich brauche alle vorhandene Kraft,
um das Rad hochzuwuchten...
Ziel. 32 Minuten Rückstand.
Bald kommt auch Fötchen rein,
und Sträußchen auch.
Wir haben alle überlebt!
Ein schönes Gefühl.
Ich weiß nicht,
was einen treibt,
solche Etappen zu fahren.
Klar, die ganz vorne wie Vino oder
Valverde
bringen große Leistungen.
Aber meiner Meinung nach hat
heute Sträußchen noch viel mehr
geleistet. Der ist 205km hinterher gefahren,
hat nie mehr als eine Acht-Mann-Gruppe gesehen.
Da brauchst Du extreme Moral,
um das durchzustehen.
Man altert in diesen sechs Stunden
um Jahre. Es ist nicht nur
die körperliche Belastung,
sondern auch die mentale,
der Kampf gegen sich selbst.
Nach dem Rennen musste ich zur Dopingkontrolle,
ich wurde heute ausgelost.
Vino und Valverde sahen schon wieder aus
wie aus dem Ei gepallt,
als ich da abgekämpft hinkomme.
Nach dem Rennen dann wieder Chaos,
alle wieder den Berg runter.
Und noch 80km Transfer ins Hotel.
Um 20 Uhr war ich da.
Massage, Essen.
Das war mein Tag.
Jetzt will ich nur noch lange und gut schlafen,
das ist das allerwichtigste,
um sich zu erholen.
Morgen mal schauen,
was wir am Ruhetag machen.
Gute Nacht!
8.Etappe
Ab KM 0 Motorradrennen
LUGO, 02.09.06.
Heute begann die Etappe so früh, dass der
Wecker schon um
6:30 Uhr klingelte.
Draußen stockdunkel,
keiner von uns bekam die Augen richtig
auf. Am Frühstückstisch herrschte
gespenstische Ruhe. Keiner
hat richtig gut geschlafen
und das spanische Frühstück
ist auch nicht dazu geeignet,
die Laune zu heben.
Eigentlich gibts bei denen
praktisch gar nix...
So komische harte
weiße Brötchen, manchmal
ein pappiges Omelett.
Wir essen hauptsächlich
Müsli, in guten Hotels
machen sie extra für uns Reis und Pasta.
Nach dem Start des Rennens
waren dann aber gleich alle hellwach.
Direkt bei KM 0 begann
das Motorradrennen, wie mein Freund Sträußchen
(Marcel Strauß) sagen würde.
Die Tachonadel nicht
mehr unter 50. Discovery
hat jede etwas größere
Gruppe gejagt.
Hat Lotto attackiert,
ist Quick Step nachgefahren
usw. usw. Ein eiziges Gespringe
und nach anderthalb Stunden
hatten wir 75km hinter uns.
Dann endlich ein bisschen
Ruhe, wie meist
nach dieser Zeit, wenn
bis dahin keiner wegkam.
Das Signal für die allgemeine
Verschnaufpause kommt immer
vom Gelben. Wenn der Gesamtleader
Pinkelpause macht, wird nicht attackiert.
Das ist das alte ungeschriebene
Gesetz. Heute meinte
aber der Fuente, er müsste
es trotzdem versuchen und
flog an allen vorbei, als gerade
Pause angesagt war.
Sofort wurde es wieder schnell,
bis er eingeholt war.
Dann haben sich erst mal 30
Mann ihn zur Brust genommen.
Mit solchen Aktionen
macht man sich nicht beliebt
im Feld...
Kurz bevor Fuente eingeholt
wurde, hörte ich hinten
einen dumpfen Knall.
Das Geräusch lief auch noch so merkwürdig
an der Leitplanke lang.
Später kommen die Kollegen:
Hast Du das gehört?
Stellte sich raus, dass
der Jufre von Lotto böse gestürzt
ist. Nach dem Kommunique hat
er sich eine böse Schnittwunde
zugezogen und viel Blut verloren,
wurde operiert.
Er kam auch bald im Krankenwagen
mit Blaulicht an uns vorbei.
Wenn sowas schlimmeres passiert, muss
man schon mal schlucken.
Der Belgier Van Impe war
irgendwannn davongefahren,
im Feld dahinter
kontrollierten Milram, Credit Agricole,
Liquigas. Es wurde
zügig gefahren, aber der kam vorne einfach nicht näher.
Die mussen sich ganz schön strecken,
um ihn zu holen.
Milram haben sogar Becke,
hren besten Mann im Klassement,
Tempo machen lassen.
Im Finale gab es eine
Zielrunde, sodass
wir uns die Zielgerade erst einmal anschauen konnten.
Da sind meine
heutigen Ziele innerhalb von
einer Minute immer bescheidener geworden.
"Leicht ansteigend" sei
die Zielgerade, hieß es,
aber die hatte es schon in sich.
Ursprünglich
war mein Ziel, vorne mitzusprinten.
Nach den ersten Metern
der ersten Passage auf der Zielgeraden
habe ich mir das abgeschminkt.
Da gings richtig hoch -
zu schwer für mich.
3km vor dem Ziel haben sie vor
mir reißen lassen,
dann habe ich auch gehen lassen
und bin mit Fötchen (Markus Fothen)
reingefahren.
Heute schönes Hotel -
nur zwei Sterne angeblich, aber
eigentlich besser. Seht gutes
Essen. Föthchen hatte nur Pech
mit dem Zimmer. Unter seinem Fenster
ist der Küchenabzug. In seinem
Zimmer stinkts wie in 'ner Dönerbude.
Tja, morgen gehts
dann ums Überleben. Sträußchen
und ich haben schon das Profil
hin und her gedreht -
aber man kann machen was man will,
es wird nicht leichter.
Der erste große Berg gleich 19km lang,
da kann man mächtig Zeit verlieren.
Aber was solls: Wir geben unser
Bestes. Und dann überlebt man halt oder
man ist draußen. Mehr kann man nicht machen.
Bis morgen!
7.Etappe
Horror vor Sonntag
PONFERRADA, 01.09.06. Heute
gibts eigentlich nicht viel zu berichten.
Am Anfang hatte ich heute
wieder kein so ein tolles Gefühl,
aber am Ende gings. Den Schlussanstieg
bin ich im grupetto relativ
"entspannt" hochgefahren,
nicht am Limit. Andernfalls
hätte ich jetzt aber auch Panik
bekommen, weil die Etappe
am Sonntag, die hat's
in sich. Fast alle im Feld (mit Ausnahme
der Kletterer natürlich) haben Horror
vor der Etappe.
Viele Berge und wenn die Spanier
das Ding von Anfang an schwer machen...
Aber erst mal zu heute.
Heute früh wars wieder mächtig
heiß. Am Start in den Bus,
Manschaftsbesprechung und
allgemeines Abhängen.
Unser neuer Bus, den wir
seit der DM haben, ist schon
echter Luxus, da kann mans
aushalten.
Duschen, zwei Toiletten,
bequeme Ledersitze für zwölf Mann,
Küche, Sat-Fernsehen auf drei Monitoren,
Internetanschluss über Satellit.
Vom feinsten.
Das Rennen begann zunächst sehr schnell,
es dauerte eine Weile, bis eine Gruppe
ging. Als die weg war,
hat Liquigas ein bisschen kontrolliert,
aber die machten nicht den Eindruck,
als ob sie die Ausreißer unbedingt holen wollten.
Ich hatte ein Problem mit
der Gangschaltung und
wollte gerade das Hinterrad wechseln,
aber in dem Moment ging ein
Ruck durchs Feld.
Liquigas und Euskaltel drückten aufs
Tempo und ab da die nächsten 50km
bis ins Ziel Harakiri.
Rad wechseln konnte ich vergessen,
hatte ich einen Gang weniger.
Wir haben unsere Chefs noch schnell mit
Getränken versorgt,
dann kam auch schon
der Schlussanstieg.
Unten bildete sich sofort ein Riesen-Grupetto.
Wir sind da so raufgefahren,
dass es niemandem den Zahn gezogen hat.
Die netten Kollegen witzelten
über mich und
was ich denn wohl in mein "liebes
Tagebuch" schreiben werde...
Morgen früh ist die Nacht früh um, schon um 6:30 Uhr
wecken. Um 10 Uhr Start.
Bisschen später wäre
schon nicht schlecht gewesen.
Gute Nacht!
Bis morgen, Euer Frösi
6.Etappe
Völlig platt
LEON, 31.08.06. Auh weiha, bin
ich platt... Das Rennen von gestern steckt
mir noch ziemlich in den Beinen.
Heute früh klopfte es
an die Tür, es war noch dunkel. Ich denke,
Sch... Blutkontrolleure lassen uns wieder
nicht schlafen. Ich mache auf,
steht der Teamdoc vor
der Tür, es sei langsam Zeit zum Aufstehen.
Ich ziehe die Vorhänge auf - taghell, kurz vor 10 schon!
Normalerweise reichen mir acht Stunden
Schlaf, heute habe
ich elf weggepooft. Und
als ich die Treppe runterging,
hatte ich schon gar kein gutes Gefühl
in den Beinen - so ähnlich wie Muskelkater.
Oh, oh...
Dann Start, ich hoffte nur auf
eine ruhige Etappe.
Es begann auch easy.
Nach einer Weile ist der Franzose
rausgefahren, man ließ
ihn fahren, Ruhe im Feld.
Milram, Liquigas und einer
von Hushovd kontrollieren das Tempo, schöne Straßen,
es rollte gut.
Ich begann schon Hoffnung zu schöpfen,
dass es mir doch wieder
besser geht.
Aber als es kurz mal hoch ging,
merkte ich, wie die Beine verkrampfen.
Ich sagte meinen Teamkollegen gleich,
dass wir heute bessere
Chancen haben, wenn
wir für Hasi (Haselbacher)
fahren.
Bei mir ging dann am Ende
gar nichts, habe noch versucht,
Hasi ein bisschen zu helfen,
aber irgendwann ging bei mir ganz
das Rollo runter.
Und 1000 vor Schluss hatte
ich dann auch noch Defekt.
Rad platt, Frösi platt,
so rollte ich rein.
Den Sprint vorne habe ich
nicht gesehen, kann ich also
nicht kommentieren,
aber zweiter Platz für
Greipel ist stark. Großartige
Leistung des Jungen.
Freut mich für ihn, Andre ist ein netter
Kerl.
Wenn Ihr übrigens morgen seht,
dass alle im Feld einen Bogen um uns Gerolsteiner
machen, wundert Euch nicht!
Heute beim Abendbrot bekam Hasi
auf einmal Appetit auf Knoblauch
und das war ansteckend.
Da gabs so eine Paste,
die haben wir auf alles
drauf gemacht, auf
die Nudeln, aufs Fleisch,
auf alles. Nach und nach
haben alle kräftig zugelangt
- nach dem Motto, ich will Euch morgen nicht riechen... -
und die Schüssel war leer.
Knoblauch ist gesund, vielleicht
hilfts ja bei der Erholung.
Bis morgen.
5.Etappe
Am Schlussanstieg im Delirium
LA COVATILLA, 30.08.06.
Das war einer dieser Tage, an denen man ständig denkt:
"Wozu quälst Du Dich?" Und wo ein kleiner
Teufel auf der Schulter sitzt und flüstert:
Steig vom Rad, dann ist die Qual vorbei...!
Aber natürlich macht man das nicht.
Es begann schon gleich sehr schnell.
Nach KM 0 leicht bergauf,
Von Astana zog
gleich einer los.
Prost Mahlzeit, denke ich.
Die nächsten 35km
fuhren wir im Feld Anschlag.
In den ersten Berg voll rein.
Vorne setzte sich
eine 11-Mann-Gruppe ab - Hiekmann
von uns dabei. Als über Funk
dann die Namen durchgegeben wurde, setzte
sich CSC sofort an die Spitze.
Fahrer wie Rasmussen wollten sie nicht
so weit weglassen. Für
die dicken Sprinter wie mich hinten
keine schöne Situation.
Dann kamen so meine Momente.
Am Berg quäle ich mich hoch.
Monty (Montgomery) macht Pinkelpause (am Berg...),
holt danach was zu trinken und kommt
an mir vorbei, als
ob er
zum Bäcker radelt. Und ich hänge da in den Seilen!
Na ja, aber mich habe ich
dann doch ganz gut gehalten.
Ich kam fast mit dem Feld über den Berg.
In der Abfahrt war ich wieder ran,
wobei ich bergrunter merkte,
dass ich doch besser nicht 11x25 statt 12x25
gekettet hätte. Bald gings wieder berghoch
und es fanden
sich die üblichen Verdächtigen,
meine Homeboys wie Backstedt und
Renshaw. In kleinen Grüppchen gings die
zweite Bergwertung hoch,
in der Abfahrt wieder volles
Risiko.
Mit 70 Sachen flogen wir durch die Verpflegung,
mit einem Auge bekomme ich den Ausstieg
von Perdiguero mit.
Kurz nach der Verpflegung waren wir wieder ran,
aber viel nützt das nicht,
denn der nächste Berg,
der kommt sogleich...
Man muss immer aufpassen,
dass man keinen Hungerast bekommt,
aber richtig essen konnte ich nicht.
Mit Cola und Gels habe ich mich über
den Tag gerettet und mir dabei sicher den Magen versaut,
das Zeug ist doch recht kühl.
Das gute daran,
wenn man hinten allein fährt ist,
dass man keine Probleme
hat, was zu trinken zu bekommen.
Im Feld ist das immer ein Akt, bis
man sich durch die ganzen Autos schlängelt.
Man muss das alles positiv sehen!
Irgendwann sehe ich dann die Petacchi-Gruppe
vor mir, habe mich rangequält,
auch wenn das ewig gedauert hat, bis
ich die 200 Meter zugefahren bin.
Vor dem Schlussanstieg
kommt Bramati, der bis
letztes Jahr Rennen fuhr und
jetzt bei Quick Step im Auto sitzt,
und meint, dass eine Minute vor uns
eine 30-Mann-Gruppe fährt.
Also alle Vollgas, um in
diese Gruppe zu kommen.
10km vor Schluss hatten wir sie.
Nun nur noch der Schlussanstieg.
Das Ding war ziemlich eklig zu fahren,
man konnte weit gucken.
Habe mich ziemlich gequält.
Petacchi und ich haben da
unsere Spielchen getrieben,
mal der vorne, mal der vorne,
abgefallen, wieder ran.
War natürlich kein
Spaß, sondern bitterer Ernst,
denn es ging schon um die Karenzzeit.
Als wir acht Kilometer
vor dem Ziel sind,
höre ich, dass der Sieger
drin ist. Acht mal 4 Minuten =
32 Minuten. Karenzzeit
ist 36 Minuten. Also
an die Arbeit:
Ich bin da nur im Delirium
hochgefahren, nach unten geschaut,
gar nichts weiter mitbekommen.
Im Ziel auf die Uhr geschaut:
Okay, reicht.
Aber mir ist heute mal
richtig bewusst geworden,
dass wir bei einer großen Rundfahrt
sind, wo es knallhart zugeht.
Für mein Freund Sträusschen
ist es noch härter,
weil er aus familiären Gründen
länger ausfiel und
bei der Vuelta
sein erstes Rennen seit
längerem bestreitet.
Aber auch er hat es heute
geschafft.
Ich lache:
"Sträusschen, wenn mein Körper
mein Kapital ist, bin ich heute pleite!"
Er meint nur trocken,
dann wäre er jetzt in den Miesen...
Nach dem Rennen nochmal
80km Transfer bis
ins Hotel.
Duschen, dann
auf die Massagebank.
Im Hotel mussten
wir um unser Essen streiten,
weil die Kellner meinten,
es ginge nicht, dass wir in Gruppen essen.
Um halb elf im Zimmer.
Schlafenszeit. Alltag bei einer Rundfahrt.
Gute Nacht, bis morgen.
4.Etappe
So ist das Geschäft
CACERES, 29.08.06. Heute konnte
ich mich endlich mal im Sprint einschalten,
aber es lief leider nicht so wie erhofft.
Ich habe mich heute doch ganz gut gefühlt
- trotz der immensen Hitze,
die heute wieder herrschte.
Am Start stand mein Rad in der Mittagssonne -
der Computer zeigte 56 Grad an...
Das Finale hatte ich mit
Hasi (Haselbacher) abgesprochen,
es lief auch nicht schlecht, nur
hatten wir halt kein Glück
heute. Hasi fuhr die letzte Kurve
von vorne, an dem kleinen Anstieg
alles noch perfekt.
Dann ist Hasi nach der
Kurve durchgezogen,
es war auch wohl die einzige Möglichkeit,
nur waren wir dann schon bei 1000 Metern
an eins und zwei. Es
ging leicht hoch, 400 Meter
vor Schluss hat sich Hasi
leer gefahren, bei
280 kommt (ich glaube) Velo
mit Zabel am Hinterrad vorbei.
Für mich war aus der Position dann Ende.
Hätte gerne noch die Top 10 geschafft,
aber ich fand irgendwie kein
Hinterrad mehr. Zabel muss
sich heute bei Hasi bedanken für
die Vorarbeit...
Aber nicht falsch verstehen:
Hasi hat nix falsch gemacht.
So ist das Geschäft.
Bei meinem Sieg beim Giro in Mailand
habe ich abgestaubt,
nachdem Milram Tempo gemacht hat.
Es kommen ja noch ein paar
Sprints bei der Vuelta...
Gestern abend kamen übrigens unsere
Koffer noch an - gegen 23 Uhr
oder so. Dafür fiel dann die Klimaanalage
im Hotel aus... Es wurde eine ziemlich
heiße Nacht, aber ich konnte doch ganz gut schlafen.
Vor der Etappe heute hatten
alle ein bisschen Angst,
dass es superschnell wird,
weil sie so kurz war.
Aber die Attacken bei KM 0
blieben aus. Es war nervös,
aber das Rennen doch recht ruhig.
Der erste, der attackiert hat,
wurde fahren gelassen.
Dann kontrolliert.
Ich will nicht dauernd jammern,
aber diese Hitze nagt schon.
Heute wieder bis zu 45 Grad.
Viele Platten,
obwohl die Straßen sehr gut waren.
Aber der Helikopter
hat ständig Dornen von den Büschen auf
die Straße gewirbelt.
Ich hatte auch mal Defekt,
zum Glück zu einem günstigen Zeitpunkt
und ich kam schnell wieder ins Feld.
Unterwegs habe ich lange mit Backstedt
geplaudert. Dann nach einer
halben Stunde meinte er nur,
er müsse mal schauen,
was vorne los ist.
Kaum war er weg, ging ein Ruck durchs Feld:
Liquigas macht Tempo,
will das Feld sprengen,
dass eine Gruppe geht.
Von wegen "mal schauen" -
Backstedt, der Schlingel
wusste genau, was los ist.
Nicht, dass ich ihm das übel nehme.
So ist das im Peloton,
gerade unterhältst Du Dich mit
einem nett, im nächsten Moment
ist wieder Krieg. Und dann
plaudert man wieder...
Morgen die erste Bergetappe
und die Hitze macht mir Sorgen.
In den Bergen ist es ein bisschen kühler,
aber dafür man kühlt sich nicht im Fahrtwind ab.
Da hat man schon ein bisschen Angst,
dass man nachher in der Prärie
hinter dem Feld rumgondelt und man hat nix zu trinken.
Vier Berge, wenn man da früh abgehängt
wird, wirds gefährlich.
Wenn man bis zum Schlussanstieg kommt,
ist alles gut. Von uns werden
sicher Hiekmann oder Rebellin oder Fothen
war probieren. Für die Sprinter wie Hasi und
mich gehts dagegen nur ums Überleben.
Drückt uns die Daumen,
für die Heimreise ist schließlich doch noch
ein bisschen früh!
3.Etappe
Cola überm Kopf im heißen Niemandsland
ALMENDRALEJO, 28.08.06.
Das war eine Hitzeschlacht heute,
wie ich sie noch nicht erlebt habe.
Die Durchschnittstemperatur laut
meinem Computer betrug 39,5 Grad,
unterwegs waren es weit über 40.
Schon am Start war es so heiß,
dass wir gar nicht aus dem klimatisierten Bus
wollten.
Das Rennen begann ruhig,
ab KM 0 haben sich alle Sprinter
ganz vorne eingereiht.
Alle hatten Angst, dass
da gleich die Post abgeht.
Wir fuhren ziemlich langsam, aber
man hat trotzdem geschwitzt
wie sonstwas. Nach ein paar
Kilometern fuhren schon einige
am Limit trotz des
ruhigen Rennens.
Aber diese Hitze
war sagenhaft.
Unterwegs sah ich, wie
sich ein spanischer Kollege von Euskaltel
während der Fahrt übergeben musste.
Man musste echt aufpassen, keinen
Hitzeschlag zu bekommen.

Frösi am Montag
Foto: Roth
|
Irgendwann fuhren drei vorne raus.
Die haben sie im Feld auch gleich
ohne Spirenzchen fahren lassen.
Credit Agricole ist im Feld eingestiegen.
Es ging weiterhin ruhig zur Sache.
Die nächsten 60km ging es
auf und ab- 1300 Höhenmeter
hatte ich auf dem Computer.
Wir haben so unter den deutschsprachigen
Kollegen geredet und alle waren sich einig:
Wenn da richtig Radrennen gefahren worden wäre
bei dieser Hitze, dann Gute Nacht.
Es war ein Riesenchaos hinten
an den Begleitfahrzeugen,
weil ständig tausend Leute
Wasser holen waren.
Ich habe vorhin mal unsere Betreuer
gefragt: Wir neun Gerolsteiner-Fahrer
haben heute 280 Flaschen verbraucht!
Das meiste natürlich zum Trinken,
aber auch zum übern Kopf gießen.
Da sollte man es aber
dann nicht machen wie
der Brite Wegelius:
Der nahm sich eine Flasche von
einem Betreuer eines anderen Teams
und goss sich die halbe Flasche übern Kopf
bevor er merkte,
dass da Cola drin war.
Wir haben uns alle kaputt gelacht...
Sonst war das Rennen aber nicht so
unterhaltsam.
200km durchs Niemandsland.
Kein Mensch, kein Strauch, nix.
Nur sengende Sonne.
Ich dachte schon so für mich:
Mensch, wenn Du hier Defekt hast und
keiner kriegts mit, endest
Du nachher hier als
Opfer der Wüste und die Geier kreisen
wie im Western...
Die Hitze war eine Qual, allerdings muss
ich sagen, dass
ich schon um einiges
besser damit zurecht kam als gestern.
Der Trend zeigt nach oben. Das beruhigt mich.
Heute hatten wir abgesprochen,
dass wir für Hasi (Haselbacher)
fahren. Er hatte am Ende ein bisschen
Pech, als er aus dem Pedal kam.
Nach dem Rennen komme ich ins Hotel -
unser Physio: "Frösi, schon mitbekommen?"
Was mitbekommen? Kann schon
nix gutes sein. Da hatten sie
doch tatsächlich die Koffer
von Sträusschen (Marcel Strauß) und mir
im Hotel in Cordoba stehen lassen.
Duschen, Massage - und nun
sitzen wir hier im Handtuch
im Zimmer rum und warten auf die Koffer.
Zum Essen werden wir uns was borgen müssen.
Das Rennen morgen ist Gott
sei Dank was kürzer.
135km, schnelle Etappe
wird das. Sicher ein Sprint.
Mal schauen, wie
ich mich morgen fühle.
Würde natürlich gerne endlich mal vorne mit reinhalten.
Wie gesagt: Der Tag heute
gibt mir ein bisschen Zuversicht,
denn der Trend geht nach oben.
Bis morgen!
2.Etappe
"Ist das heiß hier..."
CORDOBA, 27.08.06.
Ich hatte mir heute beim ersten Massensprint schon ein bisschen mehr ausgerechnet
als ein Platz mitten im Feld.
Dass ich nicht auf einem der vorderen Plätzen
landen würde, war mir klar, denn ich brauche
bei Rundfahrten immer ein bisschen, um ins Rennen zu kommen.
Aber heute ging am Ende gar nichts.
Der Motor war zu. Diese Hitze
macht mir arg zu schaffen.
Gestern abend nach dem späten Rennen konnte ich gar nicht einschlafen.
Hin und her gewälzt, ich
weiß gar nicht, wann ich endlich die Augen zumachen konnte.
Heute morgen war dafür schon
um 6:30 Uhr Wecken, weils heute
schon so früh losging.
War noch dunkel draußen.
Beim Frühstück hingen wir
alle da so, keine Stimmung wie sonst.
Nach dem Frühstück habe ich mich nochmal hingelegt,
obwohl das eigentlich
schon grundverkehrt ist.
Fotos: Roth
|
Start heute früh in Malaga wieder
vor einer Geisterkulisse -
kein Mensch da... Aber das war offenbar
für die Andalusier,
die im Sommer ihr Leben in die Nacht verlegen, auch viel zu früh.
Das Rennen haben sie wohl wegen der
Formel 1-Übertragung im TV so früh gelegt.
Für uns Rennfahrer ist das nicht optimal,
vor allem weil ja ausgerechnet gestern
es so spät war. Da kommt man ganz durcheinander.
Aber am schlimmsten ist
doch die Hitze. Heute früh
hatte es schon fast 30 Grad und
unterwegs über 40 Grad.
Der Fahrtwind fühlt sich an,
als ob man in einen Fön
schaut. Mir macht das enorm
zu schaffen. Im Ziel habe ich gefröstelt,
Gefühl wie Gänsehaut. Sehr unangenehm.
Gleich zu Beginn der Etappe hatte es zwei Wellen drin.
Einer von Relax fuhr früh weg,
dahinter haben einige dann
Tempo gemacht. Ich habe schon befürchtet,
dass wir jetzt Vollgas über die Hügel
fahren. Das hätte ich gerade gebraucht bei
der ersten Etappe. Aber es beruhigte sich die Lage
dann doch schnell.
Es ging gemütlich über die Bergwertungen
und das Rennen war okay - bis auf die Hitze eben.
Als es auf den letzten 20 Kilometern
schnell wurde, habe ich gleich
gemerkt, dass für mich heute
nichts zu holen ist. Ich habe Heinrich (Haussler) und
Hasi (Haselbacher) gesagt, dass bei mir nichts geht und
dass sie für sich fahren sollen.
Heinrich hatte aber auch mit der Hitze zu schaffen.
Hasi wurde noch 30.
Ich bin am Ende irgendwo hinten im Peloton mit reingefahren -
an Sprint war heute gar nicht zu denken.
Nach dem Rennen ins Hotel, ein schönes
Haus. Klimaanalage, gutes Essen.
Die Erholung fällt da leichter,
auch wenn mein Rhythmus immer
noch sehr durcheinander ist.
Morgen ein langes,
welliges Teilstück.
Ich hoffe, dass eine gesittete Gruppe
geht - und dass es nicht ganz so heiß ist.
1.Etappe
"Es gibt solche und solche Tage..."
MALAGA, 26.08.06.
Tja, es gibt Tage, da klappt
alles und es gibt solche Tage wie
heute...
Heute morgen sind
wir nach dem Frühstück alle
Mann "Moto" gefahren,
also Training hinter dem Auto,
Tempo bolzen. Natürlich wieder auf der Autobahn,
die inzwischen nun schon unsere Hausstrecke geworden ist...
Danach hieß es Zeit totschlagen.
Unser Start war um 20:04 Uhr.
Wir sind sehr zeitig
Richtung Start aufgebrochen,
waren schon 2 Stunden früher da.
Warmfahren in der Nähe des Stadions hat
keinen Spaß gemacht.
Kein Mensch da, alles trostlos.
Große Rundfahrt - und solche Geisterkulisse.
Nachher waren mehr Zuschauer da,
aber viel los war auch nicht.
Wir haben uns die Strecke angeschaut
und es wurde abgesprochen,
dass wir mal langsam beginnen,
weil am Anfang soviele Kurven und Kreisverkehre drin waren.
Die Taktik wurde abgesprochen,
Reihenfolge festgelegt.
Aber der Plan sollte im Rennen
nicht lange halten.
Es fing schon komisch an.
Wir kamen zur Startrampe. Normalerweise
bekommt man am Start
immer eine Minute bevor es losgeht
die Vorwarnung.
Heute war es so, dass der
Starter plötzlich
ruft: 3 - 2 - 1...
Einige von uns hat es
überrascht, ich rolle die Startrampe runter
und sehe halb, dass Fothen und
noch einer von uns den Start verpennt haben.
Hasi (Haselbacher)
ist angefahren, Fötchen hatte
auch schnell Anschluss, war also nicht
so schlimm.
Wir kreiseln. In den Kreisverkehr
fuhr dann Fothen vor Haussler
rein, mächtig reingebolzt.
Hiekmann vor mir an 3 - hinter mir
ein Loch. Plötzlich sind wir noch vier Mann.
Dass Rebellin hinten gestürzt ist,
haben wir da gar nicht mitgekriegt.
Dann war erst mal Chaos.
Die Reihenfolge war komplett durcheinander.
Normalerweise weiß man, der
kommt, der kommt, dann ich usw.
Ist das alles durcheinander, weiß man gar nicht mehr,
wer letzter Mann ist, wievel man noch ist.
Unser Konzept komplett über den Haufen geworfen.
Was machen? Warten? Geht ja eigentlich nicht
bei 7km. Voll weiterfahren?
Bis da mal wieder Ordnung drin war...
Zu sechst sind wir weitergerollt, dann kam ein
siebter noch hinzu. Alles
sehr verwirrend. Wir haben noch versucht zu retten,
was zu retten war. Bis 500 Meter
habe ich gezogen, dann reißen lassen.
Wir wurden 13. Nach dem Durcheinander
kann man sagen: Immerhin.
Aber natürlich ist bei uns keiner zufrieden
damit. Dann noch auf der Rückfahrt
ins Hotel im Stau. Um 22 Uhr
im Hotel, Duschen, Essen, für Massage
keine Zeit. Morgen früh ist um
7:30 Uhr Aufstehen, also gehts
auch gleich ins Bett.
Naja, den Tag besser gleich abhaken...
Morgen die erste Sprinteretappe.
In Cordoba werde ich natürlich versuchen,
vorne reinzuhalten. Ich denke,
dass es zum Massensprint kommt,
Milram, die heute vorne dabei waren,
werden sicher alles zusammenhalten.
Ich hoffe auf eine gute Platzierung,
aber ich kenne mich auch und
weiß, dass ich meist ein paar Tage brauche,
um in eine Rundfahrt reinzukommen.
Wie dem auch sei: Wir freuen uns alle,
dass es endlich losgeht.
Das Rumgehänge hier im Hotel
begann nun auch zu nerven.
Und nach dem Start heute kann
es eigentlich ja nur besser
werden...
Bis morgen!
Vor dem Start
Training auf der Autobahn
MALAGA, 25.08.06.
Hallo aus dem heißen Spanien!
Ich bin am Mittwoch spätabends
hier in Malaga angekommen.
Die Hitze traf mich wie
ein Schlag, als ich aus dem Flughafen kam.
Aber wir haben ein schönes
Hotel in der Nähe von Malaga,
viereinhalb Sterne, gutes
Essen. Da lässt es
sich aushalten.
Gestern morgen standen
gleich die Blutkontrolleure
der UCI vor der Tür. Das übliche Prozedere
halt, kein Problem.
Wir sind zwei Stunden trainieren gefahren,
den Rest des Tages so verplempert.
Heute morgen sind
mein Zimmergenosse Marcel Strauss
und ich spät aufgestanden,
erst gegen 9 Uhr. Nach dem Frühstück
war wieder Training angesagt.
Wir Gerolsteiner haben uns
in Gruppen aufgeteilt.
Davide Rebellin und Andrea Moletta wollten
länger trainieren,
Sträusschen und die anderen
ruhiger. Hieckmann, Haussler und ich
wollen Tempo machen hinter
dem Auto. Das
ging aber nicht auf den Sträßchen,
nur auf der Autobahn-ähnlichen Schnellstraße.
Da sind wir dann 80km
hinter dem Teamfahrzeug
über die Autobahn geblasen mit 60 Sachen.
40km hin, 40km zurück.
Beim Wenden hat
es Heinrich an einer Autobahnauffahrt auf einer Ölspur hingelegt.
Aber er hatte noch Glück, kam glimpflich davon
auf der glatten Straße. Ansonsten
ging es noch so, aber gefährlich ist das
natürlich schon.
Da denkt man dann besser gar nicht drüber
nach, was man da macht...
Nach dem Training Mittagessen,
anschließend habe ich noch ein kleines Schläfchen
eingelegt. Massage. Am Abend gings
zur Teampräsentation. Wir haben uns da
ewig durchs Verkehrschaos hingequält im Bus.
Auf der Bühne war es dann in 30 Sekunden vorbei.
Alle Namen vorgelesen - und Tschüss.
Vor der Bühne in einer abgesperrten
Zone 50 VIP-Gäste. Besonders stimmungsvoll war das
nicht. Danach wieder ins Hotel,
Abendessen um 21:30 Uhr und nun ist wieder Bettruhe
angesagt.
Ich fahre das erste Mal die Spanien-Rundfahrt
und ich freue mich sehr aufs Rennen.
Morgen geht es mit einem sehr
kurzen Mannschaftszeitfahren los.
Wir Gerolsteiner sind sehr motiviert,
wir wollen einen vorderen Platz, Top 3
wäre super. Wir haben Chancen.
Aber die anderen sind auch sehr stark -
Milram etwa oder CSC und Caisse d'Espargne.
So ein kurzes Mannschaftszeitfahren ist
schwerer als ein langes, weil
der kleinste Fehler
nicht mehr gutzumachen ist.
Das geht so eng zu.
Wie wir fahren,
in welcher Reihenfolge, ob Kreisel
etc, wird in der Mannschaftsbesprechung morgen
festgelegt. Mal schauen.
Aber eines ist natürlich klar:
Bei 7km heißt die Taktik auf jeden Fall:
Vom Start weg Vollgas.
Drückt uns die Daumen!
Bis morgen.
Euer Frösi
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