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Robert Förster, 28 Jahre alt und aus Markkleeberg bei Leipzig, ist seit 2001 Profi. Nach zwei Jahren beim GS-II-Rennstall Nürnberger wechselte er zum Team Gerolsteiner. Der Sprintspezialist feierte in dieser Saison bereits fünf Siege (ohne Kriterien), bei der Schlussetappe des letzten Giro d'Italia gelang ihm der bisher größte Erfolg seiner Karriere. "Frösis" Tagebücher von Giro und Tour de France haben unter vielen Fans Kultstatus erreicht. Nun fährt Förster erstmals die Vuelta und wird seine ganz persönlichen Eindrücke wieder in einem Tagebuch schildern.

20.Etappe
Schon bisschen nervös vor morgen...

MADRID, 16.09.06. Das war heute ein relativ entspannter Tag. Zeitfahren ist für uns Sprinter und alle anderen ohne Ambitionen im Tages- oder Gesamtklassement eine Pflichtübung. Möglichst kräftesparend durchkommen ist die Devise.

Heinrich, Hieke und ich sind zusammen zum Start gefahren. Für mich dann das gleiche Prozedere wie beim letzten Zeitfahren. Sagen wir: Ich habe mich wenig warm gefahren... Hieke hatte heute Ambitionen und ist die Strecke vorher abgefahren. Nachher war er Neunter - ein super Ergebnis für ihn. Er hat mir und Heinrich nach der Erkundung ein paar Tipps gegeben zur Strecke.

Dann gings los. Viele Kreisverkehre drin. Vom Gefühl her war es so, als ob es viel hoch ging. Ich bin "locker" gefahren, obwohl das Wort eigentlich nicht zutrifft, denn natürlich kann man ein Zeitfahren nicht locker fahren, sondern muss schon ein bisschen treten. Man schaut halt, dass man unterhalb der Schmerzgrenze bleibt, obwohl das auch nicht ganz stimmt, denn es tut auch schon weh. Das ist schwer zu beschreiben, als Profi kennt man seinen Körper sehr genau und weiß, wo dieser Punkt ist.

Ich war heute nicht so gut drauf, wie beim letzten Mal, wo mir das Zeitfahren sehr leicht fiel. Ich bin nicht schnell gefahren, aber ich dachte eigentlich schon, dass mehr rausspringt als der siebtletzte Platz. Aber die Platzierung ist natürlich ganz egal. Ich orientierte mich am Vordermann, wenn man ihn vor einem sieht, hat man eine Idee, dass man gut in der Zeit liegt. Gut bedeutet, keine Probleme mit dem Limit zu bekommen. Ich hatte als Siegerzeit mal sehr schnelle 30 Minuten angenommen, alles unter 40 Minuten war dann okay.

Nach dem Rennen ein bisschen aam Bus abgehangen, mit ein paar Journalisten unterhalten. Als Heinrich kam, sind wir zusammen ins Hotel. Die Pflicht hatten wir hinter uns, nun begann der angenehme Teil des Tages. Mittagessen, ein kleines Schläfchen, Massage. Heute abend haben wir alle Mann ein gemütliches Abendessen gehabt. Wir haben die Vuelta bei Tappas und einem Glas Wein ausklingen lassen. Morgen nach dem Rennen geht ja alles Hopplahopp, Duschen und direkt ab zum Flughafen.

Für die allermeisten im Feld wird es morgen eine gemütliche Etappe. Für mich kommt morgen aber nochmal ein Höhepunkt. Die Schlussetappe ist für Sprinter immer besonders prestigevoll. Soviele Sprinter sind zwar nicht mehr da, aber doch noch sehr starke Gegner: Zabel, Hushovd, Nazon, Clerc. Hushovd hat die Touretappe in Paris gewonnen, ich beim Giro in Mailand. Klar, das wir morgen das selbe Ziel haben. Aber es kommt halt wie immer auf die Beine an. Mein Soll habe ich ja mit dem Sieg am letzten Sonntag schon erfüllt, was jetzt kommt ist ein Bonus. Viele sagen mir: "Frösi, Du hast doch Mailand gewonnen, also..." Aber die Favoritenrolle lasse ich mir nicht aufdrücken. Das ganze macht mich aber doch schon kribbelig. Heute abend begann bei mir schon leichte Nervosität. Das muss man versuchen wegzudrücken. Morgen einfach reinhalten - und dann mal schauen was rauskommt. Drückt mir die Daumen!


19.Etappe
Lagerkoller

IM BUS AUF DEM WEG NACH MADRID, 15.09.06. Nochmal eine schwere Etappe - aber es war die letzte! Nun langsam wird es auch Zeit, dass die Rundfahrt rum geht. Es ist ja schon meine zweite dreiwöchige, die ich auch zu Ende fahre. Und gegen Ende der Saison wird jetzt alles ein noch bisschen nerviger. Der Lagerkoller macht sich breit. Wir sind nur noch zu dritt, um so mehr geht man sich nun langsam auf die Nerven. Die Stimmung ist gereizter. Aber alles noch im grünen Bereich. Das gehört eben auch dazu. Und die Stimmung wird morgen und übermorgen garantiert immer besser, da es bald heimgeht... Und vielleicht geht für mich am Sonntag ja auch noch was wie beim Giro in Mailand, wer weiß?


Foto: Roth
Das Rennen heute ging gar nicht rum. Es begann mit einer 27-minütigen neutralen Phase, der Start weit draußen vor der Stadt. Und dann passierte erst mal gar nix. "Die Ruhe vor dem Sturm!", warnt uns Reimund aber schon mal. Und es war auch so. Vor den Bergen begann die erwartete Attackiererei dann. Das Feld aufgereiht wie an der Perlenschnur. Ich war schon am Klemmen. Denke, wenn das so weitergeht in die Bergwertungen, dann Gute Nacht. Aber bei KM 50 stand die Gruppe endlich, ab da wars objektiv betrachtet okay. Vom Gefühl her wars aber eher schwer.

Mir kams vor, als ob wir heute nur hochgefahren sind, obwohl es ja eigentlich hoch und runter ging. Aber eben nicht weit runter, dass man mal durchschnaufen kann. Astana machte vorne Tempo und wir hängen da hinten. Schlechte, enge Straßen. Die Zeit ging nicht rum. Zum Quatschen war auch keiner da oder es ging gerade nicht wegen des Rennens. Bei KM 160 kommen wir wieder auf eine breitere Straße. 40km vor Schluss meinte CSC, sie müssten unbedingt nochmal attackieren. Das musste nun wirklich nicht mehr sein, brachte natürlich auch gar nix ein.

Die letzten 30km rollten wir so mit. Mit unseren Freunden von Bouyigues Telecom, die wie wir nur noch zu dritt sind, flachsen wir rum. Ich komme an Beneteau vorbei: "Wieviele habt ihr im Feld vorne?", frage ich. Er: "Zwei". Ich lache: "Na wartet, das nutzen wir, jetzt kreiseln wir Gerolsteiner!"

Nach der Zielankunft gings in den Bus, kurz frisch gemacht, dann Transfer nach Madrid. Fast drei Stunden sind wir unterwegs. Da kommt uns natürlich unser Luxus-Bus gerade recht. Da kann mans aushalten. Gegen 21:30 Uhr werden wir im Hotel sein, Massage wird wohl ausfallen, Essen, dann ins Bett. Morgen gehts schon wieder früh weiter. Aber beim Einzelzeitfahren fahre ich locker wie beim letzten Mal. Da habe ich danach gewonnen... Also, ich freue mich jetzt auf Madrid (und noch mehr auf zuhause!).


18.Etappe
Noch so ein ekliger Tag

GRANADA, 14.09.06. Das war wieder so ein ekliger Tag. Man hofft ja immer, dass es ruhig wird, dass eine Gruppe früh geht und die Favoriten still halten bis zum Schluss. Aber es kommt halt immer anders.

Heute wollte erst gar keiner fahren. Die ersten 5km schien niemand Lust zu haben. Dann attackierte einer von Bouyigues und die Schlacht war eröffnet. Zeitig setzten sich 7 Mann ab, Dahinter klemmte sich sofort Caisse d'Espargne und machte Tempo. Die wollten wohl Astana auf Trab halten. Nach 20, 30km hatten sie alle erstmal genug, allgemeine Pinkelpause, nachdem Vino das Signal gab. Danach gings so weiter wie vorher. Caisse fährt Vollgas, die wollten wohl unbedingt verhindern, dass die Gruppe durchkommt.


Fotos: Roth
War nicht schön zu fahren. Es hatte Wind und das Feld ist voll den ersten Berg hochgeknallt. Oben lag die Gruppe 1:40 Minuten vorne, da hat Valverdes Team rausgenommen. Dann wieder schnell, dann wieder langsamer. Da war irgendwie keine Logik drin. Vielleicht dachten sie, dass Valverde mit einem Etappensieg zusätzlichen Bonus bekommt. Aber die Taktierei war ja nachher hinfällig. Beeindruckend, wie Kashechkin und Vino heute fuhren. Mir scheint, die sind eher zu stark, als Valverde zu schwach.

Wir fuhren nur hoch, runter. Auf meinem Vorbau ist das Etappenprofil draufgeklebt. Das hätte ich heute gleich wegwerfen sollen. Man orientiert sich daran ja, stellt sich mental ein: "So, Frösi, den Berg noch, dann erst mal 50km runter", denke ich mir. Ich holte noch Getränke für die anderen, mache noch Späßchen mit dem Sportlichen Leiter. Schaue hoch: Wow, da stehen Leute in der Wand - da müssen wir wohl hoch! "Sorry, Jungs, wussten wir auch nicht, aber da kommt noch ein Hügel...", sagt der Sportdirektor per Funk. Die haben ja dasselbe Profil. Die Organisation müsste es doch mal hinbekommen, ein halbwegs stimmiges Profil zu drucken. Sonst können sie es auch gleich sein lassen. Solche Überraschungen braucht man jedenfalls wirklich nicht.

Mein Ziel war heute, bis 20km vor dem Ziel im Feld zu bleiben. Die erste 30-Mann-Gruppe ließ schon 30km vor Schluss gehen. Ich blieb mal lieber vorne noch dran. Bloß jetzt nicht noch was riskieren, dass man wegen einer dummen Windkante nachher das Limit verpasst. Inzwischen sind die Leistungsunterschiede hier sehr krass. 20 Mann vorne, dann noch mal 20 Mann, die stark sind. 40 so normal und 50 mit Problemen. Da muss man aufpassen, nicht zum falschen Zeitpunkt in die falsche Gruppe zu kommen.

Der letzte Berg hatte heftige 15-Prozent-Rampen und war 8 Grad kalt. Nach der Hitze vorher unangenehm. Wir sind nach dem Rennen extra im Auto runtergefahren, das dauert zwar länger, als auf dem Rad, aber ich hatte keine Lust mehr heute auf Radfahren. Ich dachte, es würde heute ein relativ einfacher Tag, aber er hat doch auch wieder Körner gekostet.

Vor der Etappe morgen haben viele im Feld Respekt. Wir haben heute im Peloton viel darüber geredet. 200km hoch, runter - plus 27 Minuten (!) Neutralisation am Anfang, was auch immer das soll. Morgen ist die letzte Chance für Ausreißer. Da will sicher das halbe Feld in Gruppen rein und das bedeutet, dass es vermutlich lange hektisch wird, bis endlich die Gruppe steht. Im Hinterkopf bei mir ist, dass man morgen im Ziel praktisch in Madrid ist. Also, nochmal ein ekliger Tag - aber dann ist es auch genug...


17.Etappe
Durchhalten!

GRANADA, 14.09.06. Heute gehts mir nicht so dreckig wie gestern. Ich habe mich glücklicherweise über Nacht sehr gut erholt, gut geschlafen. Die Beine tun jetzt immer weh, aber es fiel mir heute wieder etwas leichter, auch ein bisschen aufs Pedal zu drücken.

Das Rennen begann bei KM 0. Die ersten 10km gings am Meer entlang, Attacke folgte auf Attacke. Eine 32 Mann-Gruppe setzte sich ab. Zwei Drittel unserer Mannschaft dabei (Heinrich und Hieke...). Ob sie die Gruppe fahren lassen? Bei sovielen gibt es aber eigentlich immer irgendwen, dem einer vorne nicht passt. Und so kam es auch. Discovery hat Tempo gemacht, es wurde voll geblasen. Es ging leicht hoch und 100 Mann fuhren Reihe. Ich hing da wie's Fähnchen im Wind.

An der ersten Bergwertung habe ich abgestellt, ich fahre meinen Rhythmus. Von vorne kommen nach einer Weile Clerc, Poitschke, Bas Giling. Ich hab mich wieder aufgerappelt, kam an sie dran. Jetzt gings bei mir wieder flotter. Vor mir sehe ich meine Freunde von Liquigas, mit denen ich gestern schon hinten fuhr. Wartet, Jungs, heute seht ihr mich mal von hinten kommen! Ich fuhr zu denen auf, eine 10-Mann-Gruppe fand sich. Wir sind voll Anschlag gefahren. Ich wusste erst gar nicht, warum, bis ich mitbekomme, dass vor uns ein großes grupetto ist. Genau an der Bergwertung kommen wir da ran. Das war knapp! Denn nach der Bergwertung gab es keine Abfahrt, in der man wieder hätte hinspringen können, es war so ein Plateau. Da allein hinterher fahren, das wäre was geworden.

Nun zog sich das Rennen hin. Im grupetto, das gar kein richtiges mehr ist, weil schon soviele Sprinter draußen sind, fuhren wir im Flachen zügig, am Berg ruhig, dass alle mitkamen. Der letzte Berg war steil, aber wir fuhren piano. Die Etappe war - bis auf das eklige Tempo am Anfang - eigentlich ganz okay.

Unser Hotel heute direkt am Ziel. Ist schon komisch, nur noch zu dritt zu sein. Heute abend haben unsere Betreuer auch noch auswärts gegessen, da kamen wir drei Rennfahrer uns doch ein bisschen verloren vor. Bouygues Telecom ist auch hier untergebracht. Die sind auch nur noch zu dritt. Die haben schon Witze gemacht: Lass uns doch unsere Teams zusammenlegen, dann sind wir immerhin schon sechs!

Morgen noch mal durchhalten. Ich hoffe eigentlich auf ein ruhigeres Rennen, aber jetzt wo Vino das Gelbe hat und es so knapp ist, da wird das nicht ruhig, fürchte ich. Naja, aber Madrid kommt näher. Klar, dass ich da hin will. Vielleicht geht noch was! Bis morgen!


16.Etappe
Allein mit persönlichem Kommissär

ALMERIA, 12.09.06. Wow, was ein Tag! 4200 Höhenmeter auf 145km. Heute abend will ich mich nur noch hinlegen und in Ruhe sterben...

Die Etappe begann zügig. Die ersten 40km ging es leicht berghoch. Ich fuhr schön im Feld, ich fühlte mich gut. Oh, denke ich, das geht ja besser als ich dachte. Nach einem Ruhetag ist das immer so eine Sache, da weiß man nie, wie man sich fühlen wird. Den ersten Berg fuhr ich von vorne. Aber dann begann ich zu schwitzen, mir wurde warm. Das gute Gefühl war schnell weg. Ich wurde durchgereicht, aber ich machte mir noch keine Sorgen. Lass Dich durchs Feld spülen, irgendwann findest Du Deine Guppe, denke ich.


Fotos: Roth
Irgendwann überholt mich Renshaw von hinten. Clerc auch. Das sind normalerweise meine Leute bei solchen Bergetappen. Viele waren nicht mehr hinter mir. Ich habe mich weitergequält. Napolitano und Backstedt hinter mir, ich drittletzter. Gar nicht gut. Aber ich darf nicht in Panik geraten, nicht überreißen. Wenn ich da ans Limit gehe, stehe ich irgendwann am Straßenrand. Man lernt seinen Körper kennen im Laufe der Jahre auf dem Rad.

Dann kommen von vorne zwei von Liquigas, einer von Relax, einer von Quick Step. Renshaw tauchte auf, Backstedt kam von hinten. Es war eine ordentliche Gruppe. Zu siebt sind wir über die Kategorie 1-Wertung, dann nach der Abfahrt kam gleich eine Gegenwelle. Dort sind die zwei Liquigas richtig reingezogen, ich ging sofort fliegen. Renshaw, der von Relax und ich sind mehr als Einzelkämpfer gefahren. An einem 11-Prozent-Steilstück fuhr ich 6km/h. Jetzt reicht es mir. Ich denke an Aufgeben. Es wäre so einfach: Absteigen, schön was trinken, die Quälerei wäre im Nu vorbei. Aber andererseits: Sich die restlichen Etappen zuhause im Fernsehen anschauen zu müssen, das ist noch viel schlimmer. Und wenn ich heute ausgestiegen wäre, hätte es doch geheißen, siehste, nach dem Sieg quält er sich nicht mehr. Nun, gequält habe ich mich heute aber wirklich...

Berghoch stürzte der von Relax auf einmal und blieb liegen. Renshaw fällt nach hinten ab. Nun bin ich wieder allein, wie schon seit KM 40. Allein auf weiter Flur kann man schon mal eine Flasche nehmen und es sich ein bisschen leicher machen. Aber ab KM 80 hatte ich den Rennkommissär Nr. 125 als persönlichen Geleitschutz... Zwei Polizisten vor mir, der Kommissär neben mir und unser Auto hinter mir. Und ich mitten drin. Das nervt alles, aber dem Kommissär kann ich ja schlecht sagen, er solle sich davonmachen... Ich hatte inzwischen gehört, dass Napolitano und Renshaw ausgestiegen sind. Also war ich nun Letzter.

Nach einer Weile kam einer von FdJeux von vorne, den habe ich hinter mir gelassen. Ich fand meinen Rhythmus wieder etwas. Die Zuschauer schrien nur nach Flaschen. Geschoben hat keiner. Oben gings dann erstmals durchs Ziel. 12 Minuten lag ich hinter der Spitze und noch 57km zu fahren. Das wird eng. Also bergab volles Risiko - Regen hin oder her... Ich habs knallen lassen, mein Sportdirektor Gianni (Faresin) hinter mir hat gehupt, es war wie beim Zeitfahren. Volles Risiko in der Abfahrt, denn das ist meine einzige Chance, wieder ein bisschen Boden gutzumachen. Ich sah einen von Relax am Straßenrand liegen, der Krankenwagen da. Das habe ich gar nicht an mich rangelassen. Egal, weiter, wenn ich stürze, stürze ich halt. Ist mir jetzt wurscht.

Nach der Abfahrt ein Kreisel und plötzlich bin ich auf einer sechsspurigen Autobahn. Kilometer weit vor mir kein Schwein zu sehen. Also ich mit 32km/h gegen den Wind mit meinen zwei Polizisten, dem Kommissär und dem Auto um mich rum. Es ging gar nicht vorwärts. Ich habe nach einer Weile nicht mehr nach vorne geschaut, nur noch den Kopf runter und die Straßenmarkierung gesehen. Nicht nachdenken. So bis an den Schlussanstieg. Gianni reichte mir noch eine Cola, was Schokolade. Die letzten Reserven mobilisieren. Meine 84 Kilo den Berg hochwuchten. Gib den Kletterflöhen mal einen 20kg-Rucksack, dann sehen wir mal...

Sechs Kilometer vor dem Ziel höre ich den Funk von unserem ersten Fahrzeug. So nahe bin ich dem? Zwei Kehren über mir sehe ich Heinrich (Haussler). Vier Kilometer vor Schluss war ich an ihm dran. Wie ich später erfahren habe, hatte er brutale Knieschmerzen, nachdem er sich verrenkt hat. Ich blieb bei Heinrich und irgendwann war es vorbei. In den Bus, Ende. Ich sags ja jedes Mal bei solchen Etappen, aber ich weiß nicht, wie oft man sowas machen kann. Das ist ein solcher Kampf gegen Dich selbst, sehr schwer zu beschreiben. Auf der Fahrt ins Hotel habe ich geschlafen, auf der Massagebank bin ich auch gleich eingeschlafen. Und jetzt will ich nur schnell ins Bett. Morgen kommt die nächste Bergetappe.


Zweiter Ruhetag
Auf den Lorbeeren ausgeruht...

ALMERIA, 11.09.06. Gestern abend haben wir noch ein bisschen meinen
Sieg gefeiert. Gegen halb 1 kam ich ins Bett. Bis heute um halb 10 Uhr geschlafen, und sehr gut geschlafen. Beim Frühstück saßen wir heute alle an einem Tisch. Nachdem Hasi nun auch ausgestiegen ist sind wir nur noch drei Fahrer (Heinrich Haussler, Hiekmann und ich) und sieben Betreuer (zwei Mechaniker, zwei Physios, Sportdirektoren Reimund Dietzen und Gianni Faresin und der Busfahrer). Da passen wir alle an einen Tisch. Gefällt mir viel besser, als die sonst übliche Trennung zwischen Fahrer- und Betreuertisch. Die Gespräche am Tisch sind irgendwie lockerer, abwechslungsreicher.

Nach dem Früstück hat uns Reimund verdonnert, zwei Stunden Rad zu fahren. Reimund und Gianni und Yahoo, unser polnischer Physio sind mitgefahren. Mit zwei Ex-Profis wie Reimund und Gianni sollte man besser nicht am Ruhetag trainieren fahren... Von wegen gemütlich! Die beiden sind großes Blatt gefahren, da gings zügig übers Land. ;)

Nach einer Stunde hatte ich genug. Musste noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, aber dann sind wir zurück. Zwei Stunden reichen nun wirklich am Ruhetag. In Almeria haben wir noch an einem Strand-Cafe Station gemacht. Das Meer sah so verlockend aus, da bin ich kurzerhand reingesprungen. Haussler und Hiekmann kamen auch mit. Danach zurück ins Hotel. Um halb drei Mittagessen. Im Zimmer habe ich dann ein bisschen meinen Koffer sortiert, ich war ein bisschen im Internet, was man so macht. Um sechs Uhr war Massage abgemacht. Vorher habe ich mich noch ein bisschen aufs Ohr gelgt und um halb sieben klingelt mein Telefon. Wo bleibst Du, fragt mein Physio. Ich habe so gut geschlafen. Draußen war es schon wieder dunkel. Wahnsinn, wie schnell ein Ruhetag vorbeigeht, obwohl man gar nichts produktives macht.

Der Ruhetag war besonders erholsam nach dem Sieg gestern. Alle im Team waren viel lockerer, man hat gemerkt, dass auch bei den Sportlichen Leitern die Anspannung weg ist. Letztes Jahr hat Heinrich eine Etappe gewonnen, da waren die Erwartungen durchaus groß und es hätte leicht mit einer Nullrunde enden können. Nun haben wir einen Sieg zu Buche stehen und die Welt ist in Ordnung. Für mich persönlich ist es irgendwie ein komisches Gefühl, weil der Erfolg so schnell verfliegt. Heute ist das schon wieder Geschichte. Alltag ist wieder da. Ich bekam viele Glückwünsche, auch an dieser Stelle nochmal Danke!


15.Etappe
"Schon ein geiles Gefühl..."

ALMUSSAFES, 10.09.06. Eigentlich war das eine ziemlich doofe Etappe. Ich würde jetzt schreiben, dass es eine der langweiligsten Etappen war, wenn ich nicht gewonnen hätte. So war es natürlich einer der schönsten Renntage des Jahres! Der Sieg tut gut, zumal ich den Sieg beim Giro bestätigen konnte. Giro, Vuelta - klar, mein nächstes Ziel muss jetzt sein, auch mal eine Etappe der Tour de France zu gewinnen. Beim Giro habe ich die Schlussetappe gewonnen, da gings nach dem Rennen alles hopplahopp. Heute konnte ich mit der Mannschaft - mit den Betreuern und den drei Kollegen, die noch da sind - den Sieg ein bisschen gemütlicher auskosten.

Foto: Roth
Das Rennen begann sehr ruhig. Zwei sind zeitig weggefahren und das ging ganz ohne Trara. Nach 6km kehrte schon Ruhe ein im Feld. Mit 30km/h sind wir dahin geplätschert und es hieß Warten auf den Sprint. Auf der Karte sah es aus, als ob es nur runter ging, aber es war ständig hoch, runter. Unangenehm. Aber ich habe mich dann am Riemen gerissen. Das war schließlich die letzte Chance bis Madrid. Über Funk hat Reimund (Dietzen) immer wieder die Devise ausgegeben: Jungs, wir müssen alle an einem Strang ziehen, wenn wir gewinnen wollen. Bei der Mannschaftsbesprechung habe ich heute früh gesagt, dass ich gerne meine Chance suchen will, aber dass ich rechtzeitig Bescheid sage, wenn ich mich nicht gut fühle. In der ersten Woche habe ich das mehrmals tun müssen. Heute nicht. Ich fühlte mich gut, ich wollte unbedingt im Sprint reinhalten und schauen, was rauskommt.

25km vor dem Ziel waren die Ausreißer eingeholt. Nun lief das normale Prozedere. Quick Step macht Tempo, Milram, wir zu viert auch ein bisschen. Hiekmann hat bis 8km geackert. Dann übernahmen Haussler und Hasi (Haselbacher). Hasi pilotierte mich, hielt mich aus dem Wind. Ich habe heute unheimlich viel geredet, ihn ein bisschen geleitet, so wie ich es haben wollte. 2km vor dem Ziel ging Haussler raus. Hasi drängte es nach vorn, aber ich habe immer wieder gerufen: Noch nicht, Hasi! Mach ruhig, noch zu früh, noch zu früh!

Bei 1200 Meter hat er es aber nicht mehr ausgehalten und ich habe auch nichts mehr gerufen. Okay, lass uns jetzt fahren, denke ich. Hinter Napolitano hat er mich abgesetzt. Ein schönes Hinterrad. Napolitano und einer seiner Helfer und Petacchi vor mir. Milram fährt mit vier Mann an. Bei 700 Metern hatte ich das Gefühl, dass wir langsamer werden und ich hatte schon Angst, dass links und rechts Fahrer von hinten kommen und uns überrumpeln. Aber das Gefühl kann auch getäuscht haben.

Napolitano wartete und wartete. Plötzlich macht Petacchi da Spirenzchen, schiebt Napolitano, obwohl da reichlich Platz war. "Was machen die denn da?", denke ich. Ich schaue wieder nach vorne - Hey, gleich ist das Rennen vorbei... Endlich geht Napolitano los, ich gehe vorbei. 25 Meter und ich bin vorne. 10 Meter, 5 Meter - ich bin immer noch vorne. Ich denke, dann wird wohl keiner mehr kommen und nehme die Arme hoch. Das läuft bei mir im Kopf wie im Film ab. Ich habe das vorhin nochmal im Fernsehen angeschaut. Aber das sieht dort ganz anders aus, als man es aus eigener Sicht erlebt.

Nach dem Ziel empfängt mich unser Physio und jubelt. Das ist das geilste Gefühl, wenn man sieht, wie sich die anderen mit einem freuen. Unsere Physios und Mechaniker arbeiten jeden Tag so hart. Der Sieg bedeutet auch für sie viel. Alle haben erzählt, wie sie den Sieg erlebt haben. Unsere Mechaniker Jochen und Andy im zweiten Auto haben bei 2km angehalten, damit sie im Auto-Fernseher klaren Empfang haben. Reimund, der kein TV im Auto hat, bekam es erst mit einminütiger Verspätung mit. Wie gesagt, man merkt an deren Reaktion, dass man doch etwas erreicht hat. Meine Freude, der Jubel währt jetzt nur kurz, aber man hat doch schon etwas erreicht, dass ein Rennfahrerleben hält. Schon ein geiles Gefühl...

Dann gings aufs Podium. Unser Physio wäscht mir hinter den Kulissen kurz das Gesicht, ich wechsele das Trikot. Dann steht einer da, zählt runter wie beim Zeitfahr-Start. 5, 4, 3, 2, 1 - raus. 10 Sekunden Live-Sendezeit im Fernsehen. Küsschen, Küsschen, Blumen. Und wieder runter. Dann Pressekonferenz. 5 spanische Journalisten. Einer fragt nach Altig, Ullrich und der neuen deutschen Rennfahrergeneration. Aber ich habe gerade vor ein paar Minuten eine Vueltaetappe gewonnen. und mir steht jetzt nicht so der Sinn nach tiefschürfenden Analysen des deutschen Radsports im allgemeinen...

Im Hotel hat meine Mannschaft heute abend wahrscheinlich schon geglaubt, der Frösi ist nach dem Sieg jetzt ganz bekloppt. Ich kam in mein Zimmer - ein fürchterliches, dumpfes Brummen von irgendwoher. Was ist das? Klimanalage? Ich rufe einen unsere Physios. Hör Dir das mal an, ich kann doch so nicht schlafen! Kein Problem, ich soll das Zimmer von Faresin, unserem zweiten Sportdirektor nehmen. In dessen Zimmer das gleiche Brummen. War eben aber nicht da, meint er. Haben rumgerätselt, was das sein könnte. Die Wasserleitung auf dieser Gebäudeseite vielleicht? Nimm mein Zimmer, sagt Reimund. Gibts nicht: In dessen Zimmer das gleiche heftige Brummen. Dann kamen wir endlich drauf, dass das Brummen von der angegangenen elektrischen Zahnbürste in meinem Koffer stammt... Peinlich! Aber als Sieger darf man sich solche Eskapaden erlauben! Wir haben dann noch den Sieg gebührend gefeiert und mit Sekt drauf angestoßen.


14.Etappe - Zeitfahren
Ein halber Ruhetag

CUENCA, 09.09.06. Das war ein lockerer Tag. Ruhetag nicht ganz, aber schon ein halber. Viel zu berichten gibts heute auch gar nicht. Deiviertelstunde Rad gefahren - und sonst fast gar nichts gemacht...

Um 7:30 Uhr aufgestanden. Ich war schon kurz nach 11 Uhr dran. Mit den Autos fuhren wir zum Start. Noch ein bisschen Fernsehen geschaut im Bus und ein bisschen warmgefahren. Fünf Minuten vor dem Start aus dem bequemen Bus und dann gings los. Die Strecke hatte ich mir gar nicht angeschaut. Ich wollte das nur locker zu Ende bringen, kein Problem mit der Karenzzeit zu bekommen, war mein Ziel.

Nach 5 Kilometer sagt Reimund (Dietzen), der bei mir im Begleitfahrzeug saß, über Funk, dass ich gleich Besuch bekäme. Der nach mir gestartete Cancellara kam vorbei. Ich rechnete ein bisschen - 6 Minuten Rückstand, das wird reichen. Also so weiter. Berghoch habe ich immer was rausgenommen, im Flachen wieder bisschen draufgetreten. Den Engels von Quick Step hatte ich immer vor mir in Sichtweite. Da konnte ich ganz gut einschätzen, wo ich lag und konnte das ganz gut und ohne Schmerzen hinter mich bringen.

Vom Ziel aus auf dem Rad zurück zum Start: Alle Sportlichen Leiter wollen im Auto zurück, Polizei mit Blaulicht, alle Ampeln rot. Chaos pur. Im Bus geduscht, auf Heinrich (Haussler) und Hasi gewartet, dann zurück ins Hotel. Massage, dann war für mich Feierabend, Erholung angesagt.

Morgen gibts eine Flachetappe und ich rechne mit einem Massensprint. Es wird eine der letzten Chancen sein. Mein Ziel ist es dann natürlich, im Sprint vorne mit reinzuhalten. Ich hoffe, dass ich mich heute ganz ordentlich erholt habe und die Beine gut sind. So fühle ich mich gut, aber die Frage wird sein, ob ich im Sprint auch die nötige Explosivität habe. Es wäre für die Moral schon ganz gut, vor den Bergetappen ein gutes Resultat zu holen. Dann fällt es leichter, sich über die Berge zu quälen - im Hinblick auf Madrid...


13.Etappe
"Es juckte in den Beinen"

CUENCA, 08.09.06. Wieder ein ziemlicher Heavy-Tag. Bei KM 0 ging gleich eine Rampe hoch, aber vorne haben dort einige der dicken Sprinter die Straße blockiert, damit sie den Hucken dort nicht wieder gleich im Mordstempo hochjagen. Mir wars natürlich nur recht, dass es gemütlich losging. Ich bin sicher, dass das auch einigen heute das Leben gerettet hat. Es war ein ekliges Profil und dazu schlechte Straßen und große Hitze. Vor allem die Hitze macht hier das Rennen schwer, das kostet unheimlich Körner.

Ab KM 10 begann richtig Radrennen. Ein Gespringe ohne Ende. Mal ging eine große Gruppe, die wurde wieder eingeholt, dann die nächste Gruppe usw. Nach einer Stunde an der zweiten Bergwertung setzte sich die Gruppe mit Rebellin und Boogerd ab. Die haben sie fahren lassen und es wurde ruhiger. Einige Versprengte kamen wieder zurück ins Feld. Ich hatte heute ganz gute Beine, konnte ganz gut im Feld mitfahren.

Mit Rebellin und Co. vorne dachte ich, das war der Tag, jetzt passiert nix mehr. Schließlich war das eine Supergruppe. Aber irgendwann mauschelten Bettini und sein Kumpel Paolini. Offenbar hat es Bettini nicht gepasst, dass Rebellin vorne war. Erst machten drei Quick Steps Tempo, nachher alle. Und Liquigas half mit. Nach dem Rennen war Rebellin nicht besonders glücklich. Dass Bettini und Paolini zusammengearbeitet haben, war ja offensichtlich. Warum? Vielleicht gings um die WM, dass Rebellin nicht auf die Gedanken kommt, eine Kapitänsrolle zu beanspruchen? Tja, große italienische Oper...

Die letzten 50km im Feld fuhren wir heute Anschlag, 60-65km/h, bei der Reisegeschwindigkeit war nicht mehr viel Platz für Attacken. Gefährlich waren wieder die Kreisverkehre. Da versuchen immer mal wieder welche abzukürzen, auch wenn nur die eine Seite offizielle Rennstrecke ist. Da gibts oft Chaos. Unten am letzten Berg juckte es mir in den Beinen. Soll ich mal attackieren? Könnte ja mal was versuchen, wenn, dann kann ich ja auch mit fliegenden Fahnen untergehen. Aber die sind dann doch mit solch einem Tempo da hoch, dass sich meine Ambitionen doch bald erledigt hatten. Unzählige kamen zurück. Dann habe ichs ganz gelassen. Für Platz 50 vergeude ich keine Körner bei dieser Hitze. Ich habe auf Rebellin gewartet und bin mit ihm rein gefahren.

Morgen hoffe ich auf einen halben Ruhetag. Beim Zeitfahren geht es für mich nur darum, kein Problem mit der Karenzzeit zu bekommen, um sonst nichts. Wer Chancen auf die Top 10 hat - im Gesamtklassement und/oder der Etappe - fährt voll, der große Rest machts locker. Ich starte schon früh um 11 Uhr und ich hoffe, dass ich dann den Rest des Tages zum Erholen nutzen kann. Der Körper wird bei der Hitze hier doch sehr beansprucht und ich fahre eigentlich seit Januar durch ohne größere Pause. Vielleicht geht noch was hier bei der Vuelta, aber morgen sicher nicht.


12.Etappe
"Das war nicht unser Tag"

GUADALAJARA, 07.09.06. Das war nicht der Tag von Team Gerolsteiner: Drei Mann ausgeschieden, ein kaputter Bus, kaputtes Material, verletzter Mechaniker und ein ausgeschlagener Zahn ist unsere Tagesbilanz... Aber der Reihe nach.

Die Etappe begann wie immer: Wir pillern bis KM 0 und ab da kann man sich gleich anschnallen. Ich lege schon gleich das große Kettenblatt auf, weil ich weiß, dass da garantiert sofort irgendeiner von hinten sofort vorbeischießt. So war es auch heute. Das Feld gleich auf Kante. Monty (Sven Montgomery) war ziemlich weit hinten und musste nach 3km reißen lassen. 1km später auch Andrea Moletta, dem es nicht gut ging und der ein bisschen Fieber hat.

Eine Weile ging das Gespringe weiter. Alle fahren Anschlag bis nach 20km endlich eine Gruppe stand. Hasi von uns dabei. Aber Milram wollte die nicht weglassen. Kurz darauf sind auch Lampre und Cofidis eingestiegen und zu neunt haben sie das Loch auf Biegen und Brechen zugefahren. Über Funk bekomme ich mit, wie (Sportdirektor) Reimund (Dietzen) Monty aufmuntert: "Komm, Monty, quäl Dich." Ich dachte nur, der arme Kerl. Wir fuhren vorne 65 km/h und Du musstest da im Feld aufpassen drinzubleiben. Unmöglich, dass Monty sich da wieder ranarbeitet.

Als wir unten an der Deier-Bergwertung ankamen, haben wir die Gruppe um Hasi wieder eingeholt. Es begann zu regnen, was ich aber als sehr angenehm empfand. Ich habe mich gut gehalten, fühlte mich richtig gut. Ich bekomme über Funk mit, dass sich Fothen eine Regenjacke holen will. Ich denke: Jetzt? Ob das so eine gute Idee ist? Die sind da hochgeknallt und das Ding war für eine Kategorie 3 sehr lang. Über Funk höre ich, wie Reimund Fötchen anfeuert: "Los, komm, Du bist gleich wieder ran!" Aber nach der Bergwertung ist das Feld vorne 20km mit Vollgas weitergebrettert. Im Feld sind mehrere fliegen gegangen. Und Fötchen allein dahinten muss wohl dann seine Moral verloren haben. Beim Essen vorhin meinte er, es sei einfach nicht mehr gegangen.

Wir haben dann aber vorne im Rennen auch noch Akzente setzen können. Heinrich war sehr stark heute und war in der Gruppe, die sich nach der Verpflegung absetzte, dabei. Dies war keine Zufallsgruppe, sondern die darin waren wirklich die Stärksten. Als die Gruppe weg war, wurde es im Feld ruhig. Ich dachte noch, jetzt kommt ja Fötchen bestimmt noch zurück. Aber irgendwann kommt ein Auto von uns vorbei, das ziemlich tiefergelegt war: Drei Rennfahrer drin. Glücklich sahen die nicht aus.

Gegen Ende wurde es im Feld nochmal schnell. Astana ist eingestiegen wegen der Teamwertung, die für die ProTour zählt. Das ist schon komisch. Manchmal sind Gruppen optimal besetzt, aber wegen der Teamwertung wird dann trotzdem nachgefahren. Discovery fährt allem hinterher, wenn keiner von ihnen dabei ist. Also die letzten 25km mit einem 55er-Schnitt. Alles nur für Astanas Teampunkte.

Im Ziel komme ich zum Bus - die Motorklappe auf. Da waren zwei Keilriemen gerissen. Also im Bus geduscht, dann in den Autos ins Hotel. Da war heute wirklich sowas von der Wurm drin: Ein Werkstatt-Auto von uns hat auch einen kaputten Keilriemen. Der Druckluftkompressor ist hin, der Hochdruckreiniger auch. Ein Mechaniker hat Hexenschuss und Hasi hat sich beim Essen an einer Olive einen Zahn abgebrochen. Das war wirklich nicht unser Tag!


11.Etappe
Willkommener Sommerregen

BURGOS, 06.09.06. Es wird wieder heiß, es beginnt wieder zu glühen. Heute vor dem Rennen haben wir uns nochmal das Profil angeschaut, ab KM 0 gings gleich eklig hoch. Die Hoffnungen auf einen ruhigen Tag habe ich mir gleich abgeschminkt. Gleich nach dem Start attackierte denn auch prompt Relax. Freuer frei, Marianne...

Es wurde gleich Anschlag gefahren. Ich bin vorne im Feld in den Hügel rein und hinten im Feld wieder raus. Petacchi ließ am ersten Hucken auch gleich reißen. Am nächsten Hügel gingen 10 Mann weg. Unangenehm war vor allem die Hitze, an dem Berg stand die Sonne drauf, es war irrsinnig heiß. Als die Ausreißer weg waren, wurde es ruhiger. Die Kategorie-1-Bergwertung war relativ gemütlich, gutes Tempo, nicht zu steil, nicht zu heiß. Mehr kann man nun wirklich nicht erwarten.

Reimund (Dietzen), unser Sportdirektor meinte, die zweite Bergwertung sei schwer. Wenn der das sagt, dann ist die auch schwer. 8km lang, gleich unten eine 11-Prozent-Wand. Dazu die Hitze. Hinten gingen sie einzeln alle fliegen. Ich habe mir Wasser über den Kopf gegosssen, ein Fehler. Wenn man nämlich damit mal anfängt, braucht man immer mehr Wasser, um den Kühlungseffekt zu behalten. Aber woher nehmen? Glücklicherweise standen einige Zuschauer am Rand, die Flaschen reinreichten. Von jedem Teamauto, das vorbeifuhr, habe ich mir auch noch "Aqua" erbettelt. So gings über den Berg. Danach fanden sich wieder die üblichen Verdächtigen zusammen. Renshaw, Backstedt, Clerc. Sind eigentlich immer die gleichen, die man bei solchen Anstiegen hinten trifft. Zusammen fuhren wir wieder ran ans Feld.

Kurz vor dem Ziel wurde über Funk angesagt, dass es gleich Regen gibt. Alle haben sich Regenjacken geholt. Ich war der einzige, der darauf verzichtet hat. Als es anfing zu regnen, war das eine Wohltat. Ich hab das Trikot aufgerissen - ahh! Unterwegs hatte es auch mal kurz getröpfelt, aber da hatte es auf der Straße 60 Grad und es war wie in einer Dampfsauna. Am Ende ganz anders: Etwas über 20 Grad, kühles Nass von oben. Ich war im Paradies.

Als wir Richtung Zielgerade kommen, stellt sich die Frage: Sprinten oder nicht? Vorne fuhren neun Mann von Caisse d'Espargne und da sprintet man normalerweise nicht vorbei, wenn die Jungs vom Gelben nicht vorher rausgehen. 300 Meter vor Schluss wurde dann aber plötzlich doch gesprintet, konnte noch ein bisschen mitfahren und habe ein paar Euro für die Mannschaftskasse geholt. Ich sagte den Kollegen schon: Macht Euch keine Sorgen, das gebe ich in den nächsten Tagen auch wieder aus. Mit den Geldstrafen sind sie hier nämlich schnell dabei. Man braucht nur den Kommissär schräg anschauen...

Heute abend haben wir noch ein bisschen den Geburtstag unseres Mechanikers Gianni gefeiert. Schöner Tag eigentlich, wenn nicht das lästige Radrennen zwischendurch gewesen wäre... ;) Bis morgen!


10.Etappe
"Wie Petacchi gefühlt"

SANTILLANA DEL MAR, 05.09.06. Heute Nacht habe ich super geschlafen, unheimlich viel Zeugs geträumt, aber gepennt wie ein Murmeltier. Um 8 Uhr klopfte es an die Hoteltür. Das kann nur eines heißen: Unsere Freunde Blutkontrolleure sind da! Also alle Mann runter, Blut abzapfen lassen.

Sträußchen meinte heute morgen, es ginge ihm schon wesentlich besser. "Ich kann Dich doch nicht allein lassen", meint er. Partout wollte er weitermachen. Aber beim Frühstück bekam er nicht mehr als ein halbes Brötchen runter. Der Doc meinte auch, es hätte keinen Sinn, er solle keinen Unsinn machen. Man kann eine 200km-Etappe bei einer großen Rundfahrt nicht halb krank fahren, da riskiert man am Ende richtig seine Gesundheit. Sträußchen hatte ein richtig schlechtes Gewissen, aufgeben zu müssen. "Bist Du mir böse?", fragt er. "Quatsch!", sage ich. Fahr heim, kurier Dich aus.

Bei der Teambesprechung im Bus war schon angesagt worden, dass die Etappe heute eine für Ausreißergruppen ist und dass wir unbedingt einen mit dabei haben müssen. Die erste große Gruppe stand so nach 20km, Hasi (Haselbacher) von uns dabei, 18 Mann. Das ist gelaufen, denke ich mir schon. Aber Discovery entdeckte nach einer Weile, dass sie keinen dabei haben und haben mit allen Mann Tempo gemacht - selbst Braijkovic hat mit gekreiselt. Die Gruppe war bald wieder gestellt und das Radrennen war neu eröffnet.

Es dauerte und dauerte, bis die nächste Gruppe wegging. Es ging im Mordstempo über einige Hügel. Mit 55, 60 Sachen. Wer soll denn da noch attackieren?! An jedem Hügel habe ich 10 Positionen im Feld verloren und ich dachte so, wenn das noch lange geht, gehe ich irgendwann fliegen. Aber es bildete sich doch dann eine Gruppe. Rebellin von uns dabei! Perfekt. Wir haben uns gefreut und schon mit einem ruhigen restlichen Rennen gerechnet. Erst mal wurde es auch dann ruhig.

Leider waren Karpets, Mayo und Paulinho vorne dabei, Männer, die im Gesamtklassement gefährlich werden, wenn man sie zu weit fahren lässt. Also hat CSC Tempo gemacht. Ab KM 100 haben sie draufgetreten. Die wollten das Loch nicht zufahren, nur den Abstand im Rahmen halten. Als die Gruppe 9 Minuten Vorsprung hatte, wurde im Feld richtig gekreiselt. Gegen 18 Mann vorne muss man schon auch fahren. Die nächsten 50 Kilometer ging im Feld die Post ab. Viele fuhren am Limit - ich auch. Das Peloton kann man dann mit einem Kaugummi vergleichen. Zieht man es ganz lange auseinander, wird es immer dünner. Man kann lange ziehen, aber irgendwann reißt es in der Mitte ab.

Ich habe für mich beschlossen, dass ich bis zum letzten Berg mitfahre, dann gehen lasse. Mir war klar, dass die das Loch nicht mehr ganz zufahren wollen und dann ist es mir egal, ob ich mit 5 oder 15 Minuten Rückstand ankomme. 100. oder 150. im Gesamtklassement, das interessiert mich nicht. Am Ende habe ich noch ein paar Flaschen geholt für Teamkollegen. Irgendwann kommt Monty von hinten, Fothen gesellte sich zu uns und zu dritt haben wir dann die letzten 15km ruhig gemacht. Ich fühlte mich schon wie Petacchi, da mit zwei "Teamhelfern" an der Seite. Ich lache: "Jungs, jetzt fahrt mich mal nach vorn!"

Als wir ins Ziel kamen und ich die Zielgerade gesehen habe, wusste ich, dass ich es richtig gemacht habe, heute die Kräfte zu sparen für eine andere Gelegenheit. Die Zielgerade war mächtig schwer, da hätte ich kein Land gesehen, selbst wenn es zum Sprint gekommen wäre. Nach dem Rennen war das Hotel wieder eine ernüchternde Erfahrung. Unser Haus liegt zwischen Autobahn und Tankstelle. Drei Sterne, aber da haben sie sich wohl einen vom Nachbarhotel ausgeliehen. Heute freuen wir uns, morgen wieder umzuziehen... Bei den meisten Hotels bisher wäre man lieber noch was geblieben.

Die Etappe morgen - eine typische Gruppen-Etappe, denke ich. Für reine Sprinter zu schwer, für Bergfahrer hinten raus zu leicht. Naja, mal schauen. Ich will über die ersten Berge gut vorne mit drüber kommen, vielleicht gibts ja doch einen Sprint. Schaun mer mal, wie weit mich die Beine tragen... Bis morgen!


Erster Ruhetag
"...wollte schon die Schippe holen"

GIJON, 04.09.06. Ein ruhiger Ruhetag. Erholung war angesagt und viel mehr, als auf dem Bett rumgelegen und Fernsehen geschaut, habe ich nicht gemacht.

Heute früh um halb 10 Uhr aufgestanden, ich habe super geschlafen. Frühstück, dann sind wir eine Stunde auf den Rädern gerollt und haben uns dann in Gijon ein Cafe gesucht. In der Stadt kurvten noch mehr Mannschaften rum auf der Suche nach einem Cafe und ein bisschen Entspannung.

Auf dem Heimweg sind Monty und ich mit Marcel Strauß gefahren. Dem gings gar nicht gut. 10km/h sind wir gerollt und brauchten für den kurzen Weg ins Hotel eine Stunde. Sträußchen ist mein Zimmergenosse und ihm gings schon beim Aufstehen nicht gut. Ganz blass, klagte über Magenprobleme. Im Hotel hat er sich gleich hingelegt. Bisschen Fieber, hoher Puls. "Lass mich einfach in Ruhe sterben", meint er nur. Wollte schon die Schippe holen, wie der aussah... Man flachst halt rum, Galgenhumor. Gestern ist er sicher übers Limit gegangen, aber das merkt man erst einen Tag später. Sträußchen konnte den ganzen Tag nix essen. Vielleicht erholt er sich über Nacht, aber ich bin nicht so sicher, ob ers morgen noch mal an den Start schafft. Das wäre schon super-schade, wo er sich am Sonntag so gequält hat.

Tja, ich habe wie gesagt weiter nichts gemacht heute. Bisschen im Internet gewesen, Fernsehen. Zwischendurch mal ein Schläfchen. Nichts spannendes. Wie gut ich mich erholt habe, werde ich erst morgen wissen. Die Etappe morgen 200km hoch und runter. Vermutlich nix für mich. Aber über meine Ziele mache ich mir jetzt sowieso noch keine Gedanken. Erst mal morgen früh schauen, wie ich mich erholt habe.

Bis morgen
Frösi


9.Etappe
"Das lässt einen Jahre altern..."

LA COBERTORIA, 03.09.06. Der Tag von heute - eigentlich lässt sich sowas nicht beschreiben. Das war sicherlich eine der härtesten Etappen, die ich in meinem kurzen Leben erlebt habe. Das Profil ging Auf und Ab - und genauso war es auch mit meinen Kräften und meiner Moral.

Am Start habe ich gleich geschaut, dass ich in einer vorderen Reihe stehe, weil es nach der 8km langen neutralen Phase gleich hoch ging. Wir fuhren dort erst recht locker, da keimte bei mir die Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wird, aber nach 500 Metern waren diese Illusionen vorbei. 20 Mann fuhren weg, hinten alles sofort zerrissen. Über die Bergwertung kam ich noch gerade so mit dem Feld drüber, aber danach gings direkt mit ekligem Tempo weiter, hügelig. Nach 15 oder 20 km habe ich reißen lassen. Ich gondelte zwischen den Autos rum. Dann auch noch einen Platten. Als ich auf unser Auto warte, habe ich mit dem Tag abgeschlossen. Das wars für mich. Ab in den Flieger, ab nach hause.

Reimund (Dietzen), unser Sportdirektor kommt vorbei. Ich sage: "Reimund, wo soll ich denn heute noch hin? Noch 190km Berge, ich stehe hier ganz hinten und die fahren vorne voll Reihe." - "Komm, Frösi, versuchs noch mal, die Gruppe vor Dir kriegst Du wieder", meint Reimund. Also Vollgas und ich kam tatsächlich an die Gruppe wieder ran, allerdings genau vor dem nächsten Berg. 1. Kategorie, 19km. Nach 10 Metern falle ich wieder ab. Kurz darauf kommt mein Freund Sträußchen (Marcel Strauß) von hinten angerobbt, den habe ich gar nicht mehr erwartet. Ich sage zu ihm: "Komm, wir lassen es. Noch 160km und wir hängen hier. Es hat doch kein Zweck." Nun war es Sträußchen, der mich aufgemuntert hat: "Fahr einfach, Frösi, einfach nicht nachdenken." So gings die 19km den Berg hoch.

Oben angekommen habe ich mich wieder besser gefühlt. Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen: Entweder alles riskieren und in die Gruppe wieder ranfahren oder ich steige aus. Zum Dank für das Aufmuntern habe ich dann Sträußchen allein gelassen. Es war aber noch ein Auto von uns hinten, das wusste ich. In der Abfahrt habe ich dann mein halbes Leben riskiert - naja, vielleicht auch das ganze... Ich holte ein paar Versprengte ein. Über Funk höre ich Gespräche von Teamkollegen, das heißt, die sind nicht so weit weg, wenn ich noch Empfang habe. Als ich am nächsten Berg ankomme, sehe ich einen hellblauen von vorne kommen. Fothen! Dann noch einer: Haussler! So haben wir dann eine Dreiergruppe gebildet. Und uns allen gings nicht gut. "Was soll das noch?", meint Föthchen und Heinrich sagt: Bis zur Verpflegung, dann steigen wir aus. Darauf haben wir uns geeinigt: Bis zur Verpflegung noch, dann ist Schluss. Unser Tempo wurde nicht langsamer.

"Die Petacchi-Gruppe ist 30 Sekunden vor Euch, die könnt Ihr kriegen", sagt Reimund über Funk. Also noch ein bisschen auf die Zähne gebissen und wir kamen ran. Schöne Gruppe, Petacchi, Velo, Backstedt, Ongarato. Wir kamen flott voran, aber es war eine Qual, zumal unsere Chancen, im Limit durchzukommen gering waren. Ich glaube, alle haben ans Aufhören gedacht. Petacchi diskutierte einmal ziemlich lange mit seinem Sportlichen Leiter. Bloß, in so einer Situation will ja keiner als erster aussteigen. Steigt man aus und die anderen 14 kommen ins Ziel, kann man ja nicht mehr in den Spiegel schauen. Die anderen quälen sich ja genauso wie Du. Also hält man auch durch.

Als wir an den vorletzten Anstieg, kamen, hatte ich das erste Mal an diesem Tag das Gefühl, dass wir doch eine Chance haben, im Limit ins Ziel zu kommen. Mir war aber klar, dass ich nur eine Chance habe, wenn ich die Ehrenkategorie-Bergwertung mit meinem Rhythmus fahre. Nur war der heute so, dass ich ein bisschen schneller war als der Rest. "Piano!", ruft Petacchi. Aber was soll ich machen? Ich muss meinen Stiefel fahren, es geht nicht anders. Heinrich (Haussler) und Scheirlinx, der Belgier von Cofidis, haben eine Gruppe gebildet. Als wir oben ankamen gibt Heinrich ein Zeichen: So, jetzt lass uns runterknallen! Wir sind volles Risko gegangen. Mit 80, 90 Sachen in die Kurve, auch wenn man nicht weiß, was dahinter ist. Heinrich und ich sind beide gute Abfahrer. Manche Kollegen halten uns für Wahnsinnige. Angst habe ich keine, mir macht das Spaß. Gefährlich ist es aber, das muss man schon zugeben.

Zu dritt kamen wir schließlich am letzten Anstieg an. 15km jetzt noch. Unser Sportdirektor Gianni sagt, wir wären 20 Minuten hinter der Spitze. Kurz überschlagen: Es könnte reichen, wenn wir zügig fahren. Mir geht es dreckig. Ich sage: Heinrich, fahr! "Ne", meint er, "wir sind solange zusammen geblieben, jetzt fahren wir auch zusammen ins Ziel." Irgendwann sagt Reimund über Funk: "Lasst Euch Zeit, Ihr schaffts!" Aber ich kann gar nicht mehr locker machen. Wenn ich rausnehmen würde, falle ich um. Ich brauche alle vorhandene Kraft, um das Rad hochzuwuchten...

Ziel. 32 Minuten Rückstand. Bald kommt auch Fötchen rein, und Sträußchen auch. Wir haben alle überlebt! Ein schönes Gefühl. Ich weiß nicht, was einen treibt, solche Etappen zu fahren. Klar, die ganz vorne wie Vino oder Valverde bringen große Leistungen. Aber meiner Meinung nach hat heute Sträußchen noch viel mehr geleistet. Der ist 205km hinterher gefahren, hat nie mehr als eine Acht-Mann-Gruppe gesehen. Da brauchst Du extreme Moral, um das durchzustehen. Man altert in diesen sechs Stunden um Jahre. Es ist nicht nur die körperliche Belastung, sondern auch die mentale, der Kampf gegen sich selbst.

Nach dem Rennen musste ich zur Dopingkontrolle, ich wurde heute ausgelost. Vino und Valverde sahen schon wieder aus wie aus dem Ei gepallt, als ich da abgekämpft hinkomme. Nach dem Rennen dann wieder Chaos, alle wieder den Berg runter. Und noch 80km Transfer ins Hotel. Um 20 Uhr war ich da. Massage, Essen. Das war mein Tag. Jetzt will ich nur noch lange und gut schlafen, das ist das allerwichtigste, um sich zu erholen. Morgen mal schauen, was wir am Ruhetag machen. Gute Nacht!


8.Etappe
Ab KM 0 Motorradrennen

LUGO, 02.09.06. Heute begann die Etappe so früh, dass der Wecker schon um 6:30 Uhr klingelte. Draußen stockdunkel, keiner von uns bekam die Augen richtig auf. Am Frühstückstisch herrschte gespenstische Ruhe. Keiner hat richtig gut geschlafen und das spanische Frühstück ist auch nicht dazu geeignet, die Laune zu heben. Eigentlich gibts bei denen praktisch gar nix... So komische harte weiße Brötchen, manchmal ein pappiges Omelett. Wir essen hauptsächlich Müsli, in guten Hotels machen sie extra für uns Reis und Pasta.

Nach dem Start des Rennens waren dann aber gleich alle hellwach. Direkt bei KM 0 begann das Motorradrennen, wie mein Freund Sträußchen (Marcel Strauß) sagen würde. Die Tachonadel nicht mehr unter 50. Discovery hat jede etwas größere Gruppe gejagt. Hat Lotto attackiert, ist Quick Step nachgefahren usw. usw. Ein eiziges Gespringe und nach anderthalb Stunden hatten wir 75km hinter uns. Dann endlich ein bisschen Ruhe, wie meist nach dieser Zeit, wenn bis dahin keiner wegkam.

Das Signal für die allgemeine Verschnaufpause kommt immer vom Gelben. Wenn der Gesamtleader Pinkelpause macht, wird nicht attackiert. Das ist das alte ungeschriebene Gesetz. Heute meinte aber der Fuente, er müsste es trotzdem versuchen und flog an allen vorbei, als gerade Pause angesagt war. Sofort wurde es wieder schnell, bis er eingeholt war. Dann haben sich erst mal 30 Mann ihn zur Brust genommen. Mit solchen Aktionen macht man sich nicht beliebt im Feld...

Kurz bevor Fuente eingeholt wurde, hörte ich hinten einen dumpfen Knall. Das Geräusch lief auch noch so merkwürdig an der Leitplanke lang. Später kommen die Kollegen: Hast Du das gehört? Stellte sich raus, dass der Jufre von Lotto böse gestürzt ist. Nach dem Kommunique hat er sich eine böse Schnittwunde zugezogen und viel Blut verloren, wurde operiert. Er kam auch bald im Krankenwagen mit Blaulicht an uns vorbei. Wenn sowas schlimmeres passiert, muss man schon mal schlucken.

Der Belgier Van Impe war irgendwannn davongefahren, im Feld dahinter kontrollierten Milram, Credit Agricole, Liquigas. Es wurde zügig gefahren, aber der kam vorne einfach nicht näher. Die mussen sich ganz schön strecken, um ihn zu holen. Milram haben sogar Becke, hren besten Mann im Klassement, Tempo machen lassen. Im Finale gab es eine Zielrunde, sodass wir uns die Zielgerade erst einmal anschauen konnten. Da sind meine heutigen Ziele innerhalb von einer Minute immer bescheidener geworden. "Leicht ansteigend" sei die Zielgerade, hieß es, aber die hatte es schon in sich. Ursprünglich war mein Ziel, vorne mitzusprinten. Nach den ersten Metern der ersten Passage auf der Zielgeraden habe ich mir das abgeschminkt. Da gings richtig hoch - zu schwer für mich. 3km vor dem Ziel haben sie vor mir reißen lassen, dann habe ich auch gehen lassen und bin mit Fötchen (Markus Fothen) reingefahren.

Heute schönes Hotel - nur zwei Sterne angeblich, aber eigentlich besser. Seht gutes Essen. Föthchen hatte nur Pech mit dem Zimmer. Unter seinem Fenster ist der Küchenabzug. In seinem Zimmer stinkts wie in 'ner Dönerbude.

Tja, morgen gehts dann ums Überleben. Sträußchen und ich haben schon das Profil hin und her gedreht - aber man kann machen was man will, es wird nicht leichter. Der erste große Berg gleich 19km lang, da kann man mächtig Zeit verlieren. Aber was solls: Wir geben unser Bestes. Und dann überlebt man halt oder man ist draußen. Mehr kann man nicht machen. Bis morgen!


7.Etappe
Horror vor Sonntag

PONFERRADA, 01.09.06. Heute gibts eigentlich nicht viel zu berichten. Am Anfang hatte ich heute wieder kein so ein tolles Gefühl, aber am Ende gings. Den Schlussanstieg bin ich im grupetto relativ "entspannt" hochgefahren, nicht am Limit. Andernfalls hätte ich jetzt aber auch Panik bekommen, weil die Etappe am Sonntag, die hat's in sich. Fast alle im Feld (mit Ausnahme der Kletterer natürlich) haben Horror vor der Etappe. Viele Berge und wenn die Spanier das Ding von Anfang an schwer machen... Aber erst mal zu heute.

Heute früh wars wieder mächtig heiß. Am Start in den Bus, Manschaftsbesprechung und allgemeines Abhängen. Unser neuer Bus, den wir seit der DM haben, ist schon echter Luxus, da kann mans aushalten. Duschen, zwei Toiletten, bequeme Ledersitze für zwölf Mann, Küche, Sat-Fernsehen auf drei Monitoren, Internetanschluss über Satellit. Vom feinsten.

Das Rennen begann zunächst sehr schnell, es dauerte eine Weile, bis eine Gruppe ging. Als die weg war, hat Liquigas ein bisschen kontrolliert, aber die machten nicht den Eindruck, als ob sie die Ausreißer unbedingt holen wollten. Ich hatte ein Problem mit der Gangschaltung und wollte gerade das Hinterrad wechseln, aber in dem Moment ging ein Ruck durchs Feld. Liquigas und Euskaltel drückten aufs Tempo und ab da die nächsten 50km bis ins Ziel Harakiri. Rad wechseln konnte ich vergessen, hatte ich einen Gang weniger.

Wir haben unsere Chefs noch schnell mit Getränken versorgt, dann kam auch schon der Schlussanstieg. Unten bildete sich sofort ein Riesen-Grupetto. Wir sind da so raufgefahren, dass es niemandem den Zahn gezogen hat. Die netten Kollegen witzelten über mich und was ich denn wohl in mein "liebes Tagebuch" schreiben werde...

Morgen früh ist die Nacht früh um, schon um 6:30 Uhr wecken. Um 10 Uhr Start. Bisschen später wäre schon nicht schlecht gewesen. Gute Nacht! Bis morgen, Euer Frösi


6.Etappe
Völlig platt

LEON, 31.08.06. Auh weiha, bin ich platt... Das Rennen von gestern steckt mir noch ziemlich in den Beinen. Heute früh klopfte es an die Tür, es war noch dunkel. Ich denke, Sch... Blutkontrolleure lassen uns wieder nicht schlafen. Ich mache auf, steht der Teamdoc vor der Tür, es sei langsam Zeit zum Aufstehen. Ich ziehe die Vorhänge auf - taghell, kurz vor 10 schon! Normalerweise reichen mir acht Stunden Schlaf, heute habe ich elf weggepooft. Und als ich die Treppe runterging, hatte ich schon gar kein gutes Gefühl in den Beinen - so ähnlich wie Muskelkater. Oh, oh...

Dann Start, ich hoffte nur auf eine ruhige Etappe. Es begann auch easy. Nach einer Weile ist der Franzose rausgefahren, man ließ ihn fahren, Ruhe im Feld. Milram, Liquigas und einer von Hushovd kontrollieren das Tempo, schöne Straßen, es rollte gut. Ich begann schon Hoffnung zu schöpfen, dass es mir doch wieder besser geht. Aber als es kurz mal hoch ging, merkte ich, wie die Beine verkrampfen. Ich sagte meinen Teamkollegen gleich, dass wir heute bessere Chancen haben, wenn wir für Hasi (Haselbacher) fahren. Bei mir ging dann am Ende gar nichts, habe noch versucht, Hasi ein bisschen zu helfen, aber irgendwann ging bei mir ganz das Rollo runter. Und 1000 vor Schluss hatte ich dann auch noch Defekt. Rad platt, Frösi platt, so rollte ich rein.

Den Sprint vorne habe ich nicht gesehen, kann ich also nicht kommentieren, aber zweiter Platz für Greipel ist stark. Großartige Leistung des Jungen. Freut mich für ihn, Andre ist ein netter Kerl.

Wenn Ihr übrigens morgen seht, dass alle im Feld einen Bogen um uns Gerolsteiner machen, wundert Euch nicht! Heute beim Abendbrot bekam Hasi auf einmal Appetit auf Knoblauch und das war ansteckend. Da gabs so eine Paste, die haben wir auf alles drauf gemacht, auf die Nudeln, aufs Fleisch, auf alles. Nach und nach haben alle kräftig zugelangt - nach dem Motto, ich will Euch morgen nicht riechen... - und die Schüssel war leer. Knoblauch ist gesund, vielleicht hilfts ja bei der Erholung. Bis morgen.


5.Etappe
Am Schlussanstieg im Delirium

LA COVATILLA, 30.08.06. Das war einer dieser Tage, an denen man ständig denkt: "Wozu quälst Du Dich?" Und wo ein kleiner Teufel auf der Schulter sitzt und flüstert: Steig vom Rad, dann ist die Qual vorbei...! Aber natürlich macht man das nicht.

Es begann schon gleich sehr schnell. Nach KM 0 leicht bergauf, Von Astana zog gleich einer los. Prost Mahlzeit, denke ich. Die nächsten 35km fuhren wir im Feld Anschlag. In den ersten Berg voll rein. Vorne setzte sich eine 11-Mann-Gruppe ab - Hiekmann von uns dabei. Als über Funk dann die Namen durchgegeben wurde, setzte sich CSC sofort an die Spitze. Fahrer wie Rasmussen wollten sie nicht so weit weglassen. Für die dicken Sprinter wie mich hinten keine schöne Situation. Dann kamen so meine Momente. Am Berg quäle ich mich hoch. Monty (Montgomery) macht Pinkelpause (am Berg...), holt danach was zu trinken und kommt an mir vorbei, als ob er zum Bäcker radelt. Und ich hänge da in den Seilen!

Na ja, aber mich habe ich dann doch ganz gut gehalten. Ich kam fast mit dem Feld über den Berg. In der Abfahrt war ich wieder ran, wobei ich bergrunter merkte, dass ich doch besser nicht 11x25 statt 12x25 gekettet hätte. Bald gings wieder berghoch und es fanden sich die üblichen Verdächtigen, meine Homeboys wie Backstedt und Renshaw. In kleinen Grüppchen gings die zweite Bergwertung hoch, in der Abfahrt wieder volles Risiko. Mit 70 Sachen flogen wir durch die Verpflegung, mit einem Auge bekomme ich den Ausstieg von Perdiguero mit. Kurz nach der Verpflegung waren wir wieder ran, aber viel nützt das nicht, denn der nächste Berg, der kommt sogleich... Man muss immer aufpassen, dass man keinen Hungerast bekommt, aber richtig essen konnte ich nicht. Mit Cola und Gels habe ich mich über den Tag gerettet und mir dabei sicher den Magen versaut, das Zeug ist doch recht kühl. Das gute daran, wenn man hinten allein fährt ist, dass man keine Probleme hat, was zu trinken zu bekommen. Im Feld ist das immer ein Akt, bis man sich durch die ganzen Autos schlängelt. Man muss das alles positiv sehen!

Irgendwann sehe ich dann die Petacchi-Gruppe vor mir, habe mich rangequält, auch wenn das ewig gedauert hat, bis ich die 200 Meter zugefahren bin. Vor dem Schlussanstieg kommt Bramati, der bis letztes Jahr Rennen fuhr und jetzt bei Quick Step im Auto sitzt, und meint, dass eine Minute vor uns eine 30-Mann-Gruppe fährt. Also alle Vollgas, um in diese Gruppe zu kommen. 10km vor Schluss hatten wir sie. Nun nur noch der Schlussanstieg.

Das Ding war ziemlich eklig zu fahren, man konnte weit gucken. Habe mich ziemlich gequält. Petacchi und ich haben da unsere Spielchen getrieben, mal der vorne, mal der vorne, abgefallen, wieder ran. War natürlich kein Spaß, sondern bitterer Ernst, denn es ging schon um die Karenzzeit. Als wir acht Kilometer vor dem Ziel sind, höre ich, dass der Sieger drin ist. Acht mal 4 Minuten = 32 Minuten. Karenzzeit ist 36 Minuten. Also an die Arbeit: Ich bin da nur im Delirium hochgefahren, nach unten geschaut, gar nichts weiter mitbekommen. Im Ziel auf die Uhr geschaut: Okay, reicht.

Aber mir ist heute mal richtig bewusst geworden, dass wir bei einer großen Rundfahrt sind, wo es knallhart zugeht. Für mein Freund Sträusschen ist es noch härter, weil er aus familiären Gründen länger ausfiel und bei der Vuelta sein erstes Rennen seit längerem bestreitet. Aber auch er hat es heute geschafft. Ich lache: "Sträusschen, wenn mein Körper mein Kapital ist, bin ich heute pleite!" Er meint nur trocken, dann wäre er jetzt in den Miesen...

Nach dem Rennen nochmal 80km Transfer bis ins Hotel. Duschen, dann auf die Massagebank. Im Hotel mussten wir um unser Essen streiten, weil die Kellner meinten, es ginge nicht, dass wir in Gruppen essen. Um halb elf im Zimmer. Schlafenszeit. Alltag bei einer Rundfahrt. Gute Nacht, bis morgen.


4.Etappe
So ist das Geschäft

CACERES, 29.08.06. Heute konnte ich mich endlich mal im Sprint einschalten, aber es lief leider nicht so wie erhofft.

Ich habe mich heute doch ganz gut gefühlt - trotz der immensen Hitze, die heute wieder herrschte. Am Start stand mein Rad in der Mittagssonne - der Computer zeigte 56 Grad an... Das Finale hatte ich mit Hasi (Haselbacher) abgesprochen, es lief auch nicht schlecht, nur hatten wir halt kein Glück heute. Hasi fuhr die letzte Kurve von vorne, an dem kleinen Anstieg alles noch perfekt. Dann ist Hasi nach der Kurve durchgezogen, es war auch wohl die einzige Möglichkeit, nur waren wir dann schon bei 1000 Metern an eins und zwei. Es ging leicht hoch, 400 Meter vor Schluss hat sich Hasi leer gefahren, bei 280 kommt (ich glaube) Velo mit Zabel am Hinterrad vorbei. Für mich war aus der Position dann Ende. Hätte gerne noch die Top 10 geschafft, aber ich fand irgendwie kein Hinterrad mehr. Zabel muss sich heute bei Hasi bedanken für die Vorarbeit... Aber nicht falsch verstehen: Hasi hat nix falsch gemacht. So ist das Geschäft. Bei meinem Sieg beim Giro in Mailand habe ich abgestaubt, nachdem Milram Tempo gemacht hat. Es kommen ja noch ein paar Sprints bei der Vuelta...

Gestern abend kamen übrigens unsere Koffer noch an - gegen 23 Uhr oder so. Dafür fiel dann die Klimaanalage im Hotel aus... Es wurde eine ziemlich heiße Nacht, aber ich konnte doch ganz gut schlafen. Vor der Etappe heute hatten alle ein bisschen Angst, dass es superschnell wird, weil sie so kurz war. Aber die Attacken bei KM 0 blieben aus. Es war nervös, aber das Rennen doch recht ruhig. Der erste, der attackiert hat, wurde fahren gelassen. Dann kontrolliert. Ich will nicht dauernd jammern, aber diese Hitze nagt schon. Heute wieder bis zu 45 Grad. Viele Platten, obwohl die Straßen sehr gut waren. Aber der Helikopter hat ständig Dornen von den Büschen auf die Straße gewirbelt. Ich hatte auch mal Defekt, zum Glück zu einem günstigen Zeitpunkt und ich kam schnell wieder ins Feld.

Unterwegs habe ich lange mit Backstedt geplaudert. Dann nach einer halben Stunde meinte er nur, er müsse mal schauen, was vorne los ist. Kaum war er weg, ging ein Ruck durchs Feld: Liquigas macht Tempo, will das Feld sprengen, dass eine Gruppe geht. Von wegen "mal schauen" - Backstedt, der Schlingel wusste genau, was los ist. Nicht, dass ich ihm das übel nehme. So ist das im Peloton, gerade unterhältst Du Dich mit einem nett, im nächsten Moment ist wieder Krieg. Und dann plaudert man wieder...

Morgen die erste Bergetappe und die Hitze macht mir Sorgen. In den Bergen ist es ein bisschen kühler, aber dafür man kühlt sich nicht im Fahrtwind ab. Da hat man schon ein bisschen Angst, dass man nachher in der Prärie hinter dem Feld rumgondelt und man hat nix zu trinken. Vier Berge, wenn man da früh abgehängt wird, wirds gefährlich. Wenn man bis zum Schlussanstieg kommt, ist alles gut. Von uns werden sicher Hiekmann oder Rebellin oder Fothen war probieren. Für die Sprinter wie Hasi und mich gehts dagegen nur ums Überleben. Drückt uns die Daumen, für die Heimreise ist schließlich doch noch ein bisschen früh!


3.Etappe
Cola überm Kopf im heißen Niemandsland

ALMENDRALEJO, 28.08.06. Das war eine Hitzeschlacht heute, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Die Durchschnittstemperatur laut meinem Computer betrug 39,5 Grad, unterwegs waren es weit über 40. Schon am Start war es so heiß, dass wir gar nicht aus dem klimatisierten Bus wollten.

Das Rennen begann ruhig, ab KM 0 haben sich alle Sprinter ganz vorne eingereiht. Alle hatten Angst, dass da gleich die Post abgeht. Wir fuhren ziemlich langsam, aber man hat trotzdem geschwitzt wie sonstwas. Nach ein paar Kilometern fuhren schon einige am Limit trotz des ruhigen Rennens. Aber diese Hitze war sagenhaft. Unterwegs sah ich, wie sich ein spanischer Kollege von Euskaltel während der Fahrt übergeben musste. Man musste echt aufpassen, keinen Hitzeschlag zu bekommen.


Frösi am Montag
Foto: Roth
Irgendwann fuhren drei vorne raus. Die haben sie im Feld auch gleich ohne Spirenzchen fahren lassen. Credit Agricole ist im Feld eingestiegen. Es ging weiterhin ruhig zur Sache. Die nächsten 60km ging es auf und ab- 1300 Höhenmeter hatte ich auf dem Computer. Wir haben so unter den deutschsprachigen Kollegen geredet und alle waren sich einig: Wenn da richtig Radrennen gefahren worden wäre bei dieser Hitze, dann Gute Nacht.

Es war ein Riesenchaos hinten an den Begleitfahrzeugen, weil ständig tausend Leute Wasser holen waren. Ich habe vorhin mal unsere Betreuer gefragt: Wir neun Gerolsteiner-Fahrer haben heute 280 Flaschen verbraucht! Das meiste natürlich zum Trinken, aber auch zum übern Kopf gießen. Da sollte man es aber dann nicht machen wie der Brite Wegelius: Der nahm sich eine Flasche von einem Betreuer eines anderen Teams und goss sich die halbe Flasche übern Kopf bevor er merkte, dass da Cola drin war. Wir haben uns alle kaputt gelacht...

Sonst war das Rennen aber nicht so unterhaltsam. 200km durchs Niemandsland. Kein Mensch, kein Strauch, nix. Nur sengende Sonne. Ich dachte schon so für mich: Mensch, wenn Du hier Defekt hast und keiner kriegts mit, endest Du nachher hier als Opfer der Wüste und die Geier kreisen wie im Western... Die Hitze war eine Qual, allerdings muss ich sagen, dass ich schon um einiges besser damit zurecht kam als gestern. Der Trend zeigt nach oben. Das beruhigt mich. Heute hatten wir abgesprochen, dass wir für Hasi (Haselbacher) fahren. Er hatte am Ende ein bisschen Pech, als er aus dem Pedal kam.

Nach dem Rennen komme ich ins Hotel - unser Physio: "Frösi, schon mitbekommen?" Was mitbekommen? Kann schon nix gutes sein. Da hatten sie doch tatsächlich die Koffer von Sträusschen (Marcel Strauß) und mir im Hotel in Cordoba stehen lassen. Duschen, Massage - und nun sitzen wir hier im Handtuch im Zimmer rum und warten auf die Koffer. Zum Essen werden wir uns was borgen müssen.

Das Rennen morgen ist Gott sei Dank was kürzer. 135km, schnelle Etappe wird das. Sicher ein Sprint. Mal schauen, wie ich mich morgen fühle. Würde natürlich gerne endlich mal vorne mit reinhalten. Wie gesagt: Der Tag heute gibt mir ein bisschen Zuversicht, denn der Trend geht nach oben. Bis morgen!


2.Etappe
"Ist das heiß hier..."

CORDOBA, 27.08.06. Ich hatte mir heute beim ersten Massensprint schon ein bisschen mehr ausgerechnet als ein Platz mitten im Feld. Dass ich nicht auf einem der vorderen Plätzen landen würde, war mir klar, denn ich brauche bei Rundfahrten immer ein bisschen, um ins Rennen zu kommen. Aber heute ging am Ende gar nichts. Der Motor war zu. Diese Hitze macht mir arg zu schaffen.

Gestern abend nach dem späten Rennen konnte ich gar nicht einschlafen. Hin und her gewälzt, ich weiß gar nicht, wann ich endlich die Augen zumachen konnte. Heute morgen war dafür schon um 6:30 Uhr Wecken, weils heute schon so früh losging. War noch dunkel draußen. Beim Frühstück hingen wir alle da so, keine Stimmung wie sonst. Nach dem Frühstück habe ich mich nochmal hingelegt, obwohl das eigentlich schon grundverkehrt ist.

Fotos: Roth
Start heute früh in Malaga wieder vor einer Geisterkulisse - kein Mensch da... Aber das war offenbar für die Andalusier, die im Sommer ihr Leben in die Nacht verlegen, auch viel zu früh. Das Rennen haben sie wohl wegen der Formel 1-Übertragung im TV so früh gelegt. Für uns Rennfahrer ist das nicht optimal, vor allem weil ja ausgerechnet gestern es so spät war. Da kommt man ganz durcheinander. Aber am schlimmsten ist doch die Hitze. Heute früh hatte es schon fast 30 Grad und unterwegs über 40 Grad. Der Fahrtwind fühlt sich an, als ob man in einen Fön schaut. Mir macht das enorm zu schaffen. Im Ziel habe ich gefröstelt, Gefühl wie Gänsehaut. Sehr unangenehm.

Gleich zu Beginn der Etappe hatte es zwei Wellen drin. Einer von Relax fuhr früh weg, dahinter haben einige dann Tempo gemacht. Ich habe schon befürchtet, dass wir jetzt Vollgas über die Hügel fahren. Das hätte ich gerade gebraucht bei der ersten Etappe. Aber es beruhigte sich die Lage dann doch schnell. Es ging gemütlich über die Bergwertungen und das Rennen war okay - bis auf die Hitze eben. Als es auf den letzten 20 Kilometern schnell wurde, habe ich gleich gemerkt, dass für mich heute nichts zu holen ist. Ich habe Heinrich (Haussler) und Hasi (Haselbacher) gesagt, dass bei mir nichts geht und dass sie für sich fahren sollen. Heinrich hatte aber auch mit der Hitze zu schaffen. Hasi wurde noch 30. Ich bin am Ende irgendwo hinten im Peloton mit reingefahren - an Sprint war heute gar nicht zu denken.

Nach dem Rennen ins Hotel, ein schönes Haus. Klimaanalage, gutes Essen. Die Erholung fällt da leichter, auch wenn mein Rhythmus immer noch sehr durcheinander ist. Morgen ein langes, welliges Teilstück. Ich hoffe, dass eine gesittete Gruppe geht - und dass es nicht ganz so heiß ist.


1.Etappe
"Es gibt solche und solche Tage..."

MALAGA, 26.08.06. Tja, es gibt Tage, da klappt alles und es gibt solche Tage wie heute...

Heute morgen sind wir nach dem Frühstück alle Mann "Moto" gefahren, also Training hinter dem Auto, Tempo bolzen. Natürlich wieder auf der Autobahn, die inzwischen nun schon unsere Hausstrecke geworden ist... Danach hieß es Zeit totschlagen. Unser Start war um 20:04 Uhr. Wir sind sehr zeitig Richtung Start aufgebrochen, waren schon 2 Stunden früher da. Warmfahren in der Nähe des Stadions hat keinen Spaß gemacht. Kein Mensch da, alles trostlos. Große Rundfahrt - und solche Geisterkulisse. Nachher waren mehr Zuschauer da, aber viel los war auch nicht. Wir haben uns die Strecke angeschaut und es wurde abgesprochen, dass wir mal langsam beginnen, weil am Anfang soviele Kurven und Kreisverkehre drin waren. Die Taktik wurde abgesprochen, Reihenfolge festgelegt. Aber der Plan sollte im Rennen nicht lange halten.

Es fing schon komisch an. Wir kamen zur Startrampe. Normalerweise bekommt man am Start immer eine Minute bevor es losgeht die Vorwarnung. Heute war es so, dass der Starter plötzlich ruft: 3 - 2 - 1... Einige von uns hat es überrascht, ich rolle die Startrampe runter und sehe halb, dass Fothen und noch einer von uns den Start verpennt haben. Hasi (Haselbacher) ist angefahren, Fötchen hatte auch schnell Anschluss, war also nicht so schlimm. Wir kreiseln. In den Kreisverkehr fuhr dann Fothen vor Haussler rein, mächtig reingebolzt. Hiekmann vor mir an 3 - hinter mir ein Loch. Plötzlich sind wir noch vier Mann. Dass Rebellin hinten gestürzt ist, haben wir da gar nicht mitgekriegt.

Dann war erst mal Chaos. Die Reihenfolge war komplett durcheinander. Normalerweise weiß man, der kommt, der kommt, dann ich usw. Ist das alles durcheinander, weiß man gar nicht mehr, wer letzter Mann ist, wievel man noch ist. Unser Konzept komplett über den Haufen geworfen. Was machen? Warten? Geht ja eigentlich nicht bei 7km. Voll weiterfahren? Bis da mal wieder Ordnung drin war... Zu sechst sind wir weitergerollt, dann kam ein siebter noch hinzu. Alles sehr verwirrend. Wir haben noch versucht zu retten, was zu retten war. Bis 500 Meter habe ich gezogen, dann reißen lassen.

Wir wurden 13. Nach dem Durcheinander kann man sagen: Immerhin. Aber natürlich ist bei uns keiner zufrieden damit. Dann noch auf der Rückfahrt ins Hotel im Stau. Um 22 Uhr im Hotel, Duschen, Essen, für Massage keine Zeit. Morgen früh ist um 7:30 Uhr Aufstehen, also gehts auch gleich ins Bett. Naja, den Tag besser gleich abhaken...

Morgen die erste Sprinteretappe. In Cordoba werde ich natürlich versuchen, vorne reinzuhalten. Ich denke, dass es zum Massensprint kommt, Milram, die heute vorne dabei waren, werden sicher alles zusammenhalten. Ich hoffe auf eine gute Platzierung, aber ich kenne mich auch und weiß, dass ich meist ein paar Tage brauche, um in eine Rundfahrt reinzukommen. Wie dem auch sei: Wir freuen uns alle, dass es endlich losgeht. Das Rumgehänge hier im Hotel begann nun auch zu nerven. Und nach dem Start heute kann es eigentlich ja nur besser werden... Bis morgen!


Vor dem Start
Training auf der Autobahn

MALAGA, 25.08.06. Hallo aus dem heißen Spanien! Ich bin am Mittwoch spätabends hier in Malaga angekommen. Die Hitze traf mich wie ein Schlag, als ich aus dem Flughafen kam. Aber wir haben ein schönes Hotel in der Nähe von Malaga, viereinhalb Sterne, gutes Essen. Da lässt es sich aushalten.

Gestern morgen standen gleich die Blutkontrolleure der UCI vor der Tür. Das übliche Prozedere halt, kein Problem. Wir sind zwei Stunden trainieren gefahren, den Rest des Tages so verplempert. Heute morgen sind mein Zimmergenosse Marcel Strauss und ich spät aufgestanden, erst gegen 9 Uhr. Nach dem Frühstück war wieder Training angesagt. Wir Gerolsteiner haben uns in Gruppen aufgeteilt. Davide Rebellin und Andrea Moletta wollten länger trainieren, Sträusschen und die anderen ruhiger. Hieckmann, Haussler und ich wollen Tempo machen hinter dem Auto. Das ging aber nicht auf den Sträßchen, nur auf der Autobahn-ähnlichen Schnellstraße. Da sind wir dann 80km hinter dem Teamfahrzeug über die Autobahn geblasen mit 60 Sachen. 40km hin, 40km zurück. Beim Wenden hat es Heinrich an einer Autobahnauffahrt auf einer Ölspur hingelegt. Aber er hatte noch Glück, kam glimpflich davon auf der glatten Straße. Ansonsten ging es noch so, aber gefährlich ist das natürlich schon. Da denkt man dann besser gar nicht drüber nach, was man da macht...

Nach dem Training Mittagessen, anschließend habe ich noch ein kleines Schläfchen eingelegt. Massage. Am Abend gings zur Teampräsentation. Wir haben uns da ewig durchs Verkehrschaos hingequält im Bus. Auf der Bühne war es dann in 30 Sekunden vorbei. Alle Namen vorgelesen - und Tschüss. Vor der Bühne in einer abgesperrten Zone 50 VIP-Gäste. Besonders stimmungsvoll war das nicht. Danach wieder ins Hotel, Abendessen um 21:30 Uhr und nun ist wieder Bettruhe angesagt.

Ich fahre das erste Mal die Spanien-Rundfahrt und ich freue mich sehr aufs Rennen. Morgen geht es mit einem sehr kurzen Mannschaftszeitfahren los. Wir Gerolsteiner sind sehr motiviert, wir wollen einen vorderen Platz, Top 3 wäre super. Wir haben Chancen. Aber die anderen sind auch sehr stark - Milram etwa oder CSC und Caisse d'Espargne. So ein kurzes Mannschaftszeitfahren ist schwerer als ein langes, weil der kleinste Fehler nicht mehr gutzumachen ist. Das geht so eng zu. Wie wir fahren, in welcher Reihenfolge, ob Kreisel etc, wird in der Mannschaftsbesprechung morgen festgelegt. Mal schauen. Aber eines ist natürlich klar: Bei 7km heißt die Taktik auf jeden Fall: Vom Start weg Vollgas. Drückt uns die Daumen! Bis morgen.
Euer Frösi


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