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Interview mit Lance Armstrong
"Ich bin vor allem erleichtert"


Foto: Roth

26.07.02 (rsn) - Lance Armstrong konnte man am Samstag im Gesicht ablesen, wie erleichtert er war, dass es nun doch noch klappte mit dem fünften Tour de France-Triumph in Folge. "Willkommen im Club!", sagte Bernard Hinault zu dem Amerikaner auf dem Podium in Nantes.

Ein gefährliches Zeitfahren heute?

Armstrong: Ja, sehr. Aber für mich ging es heute nicht um die Etappe, sondern um die Rundfahrt. Ich hatte eine Minute und fünf Sekunden Vorsprung, Ullrich musste Risiken eingehen, nicht ich. Als ich heute morgen aufwachte, habe ich aus dem Fenster geschaut: 19 Grad und Regen. Ich war zufrieden. Das war ein anderes Zeitfahren als das erste bei 40 Grad. Als ich über Funk hörte, dass Ullrich gestürzt ist, war für mich das Rennen zu Ende.

Was fühlten Sie, als Sie die Ziellinie überquerten und die Faust ballten?

Armstrong: Erleichterung. Ich war nach diesem Zeitfahren, das am Schluss vor allem sehr gefährlich war, vor allem erleichtert. Erleichtert, die Tour gewonnen zu haben.

Wie beurteilen Sie diesen Sieg im Vergleich zu Ihren vorherigen?

Armstrong: Es ist absolut der schwerste, der härteste von allen. Aus mehreren Gründen. Ich war nicht bei 100 Prozent und ich habe taktische Fehler gemacht. Heute morgen war ich gestresst. Ich wollte noch etwas schlafen, aber ich konnte nicht. Es ging um so viel! Ich war sehr nervös, aber auch gleichzeitig optimistisch. Dieser Sieg gibt mir eine tiefe Befriedigung.

Gebremst am Galibier

"Bei der Etappe nach Alpe d' Huez hatte ich am Anstieg am Galibier große Probleme. Es rollte einfach nicht", erzählte Armstrong am Samstag bei der Pressekonferenz in Nantes. "In der Abfahrt habe ich dann gemerkt, warum: Die Bremse war leicht zu und schleifte am Rad.Vier, fünf Stunden lang, 180km lang bin ich so gefahren. Nicht gerade ideal vor dem Anstieg nach Alpe d'Huez!"

Denken Sie schon an 2004?

Armstrong: Die Vorbereitung auf die Tour de France beginnt nach der Tour de France. Allerdings werde ich mir dieses Jahr etwas mehr Zeit nehmen um mich zu entspannen. Ich will mich etwas zurückziehen, nachdenken, analysieren. Aber natürlich bin ich nächstes Jahr wieder da. Und ich komme nicht, um Zweiter zu werden. Ich will wieder das Niveau erreichen, das ich in den letzten vier Jahren hatte.

Ein Start bei der WM in Nordamerika (Kanada) kommt nicht in Frage?

Armstrong: Nein, definitiv nicht.

Sie sprachen kürzlich über Ihre Probleme bei der Tour, wollten aber nicht konkret werden. Können Sie jetzt darüber sprechen?

Armstrong: Vor der Tour de France hatte ich gesundheitliche Probleme. Ich hatte Magenproblene, Durchfall. An der Hüfte hatte ich einen Sehnenentzündung. In Alpe d'Huez habe ich dann einen taktischen Fehler gemacht. Ich habe es nicht ausgenutzt, dass Ullrich reißen lassen musste. Ich hätte da drei, vier Minuten holen können.

Was war für Sie der schwerste Moment?

Armstrong: Ich schwanke zwischen zwei Momenten: Nach dem ersten Zeitfahren (wo Ullrich ihm 1:36 Minuten abnahm, die Red.) und der Ankunft in Bonascre, wo ich die Probleme vom Vortag (Dehydrierung beim Zeitfahren) noch spürte.

Und der glücklichste Moment?

Armstrong: Die Etappe nach Luz-Ardiden. Ich habe attackiert und es war eine besondere Befriedigung, dort Zeit zu holen, damit ich beim Zeitfahren keine Risiken mehr eingehen muss.

Der fünfte Toursieg ist traditionell der schwerste. Haben Sie auch an den Effekt des Älterwerdens gedacht?

Armstrong: Ich habe oft daran gedacht. Aber ich bin bald 32 Jahre und das ist eigentlich kein Nachteil bei der Tour. Mit 33 oder 34 Jahren ist man noch in einem Alter, in dem alles möglich ist.

Was sagen Sie zu Jan Ullrich?

Armstrong: Er hat mir einige Probleme gemacht. Ich habe von Anfang an gesagt, dass er mein gefährlichster Gegner sein wird. Er ist wieder auf dem höchsten Niveau angekommen. Vielleicht ist er sogar besser, als jemals zuvor. Aber ein solcher Gegner motiviert mich dann auch zu Höchstleistungen.

Haben Sie den Plan, ungeschlagen bei der Tour abzutreten?

Armstrong: Es wäre ein Traum. Ich bin Profi-Rennfahrer seit elf, zwölf Jahren. Meine Zeit ist limitiert. Ich hoffe, ich kann noch weitere Siege feiern und meine Karriere ungeschlagen beenden. Ich habe nicht vor, eine Abschiedstournee zu geben, bei der ich hinterher fahre.

Dieses Jahr mussten Sie erstmals auch taktisch fahren, um zu gewinnen.

Armstrong: Früher musste ich das nicht. Dieses Jahr war meine Form etwas schlechter und ich musste das ausgleichen. in Peyresourde, als Vinokourov attackiert hat, habe ich mich nur an Ullrich orientiert, den ich als einzigen Rivalen gesehen habe. Am Tourmalet, als Ullrich mich abschütteln wollte, geriet ich nicht in Panik.Ich habe die Situation unter Kontrolle gehabt. Vielleicht hat er da einige Kraft vergeudet.

Was war der Hauptgrund, dass diese Tour solange offen war?

Armstrong: Wie schon gesagt, ich habe Fehler gemacht. Den größten in Alpe d' Huez, als ich nicht mehr Zeit auf Ullrich heruasgefahren habe. Aber ich hatte auch viel Glück. Ich will nie wieder so verwundbar sein bei der Tour. Aber ich hatte echte Gegner. Ullrich war sehr stark. Und Beloki wäre auch ein Kandidat gewesen, wenn er nicht gestürzt wäre. Ich muss nächstes Jahr in Topform zur Tour kommen, das steht fest.

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