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Weltcup / Clasica San Sebastian
Francesco Casagrande findet in San Sebastian wiederum Trost für entgangene Tour-Erfolge

  07.08.99 - Manchmal wiederholt sich (Radsport-) Geschichte eben doch. Wie im Vorjahr gewann Francesco Casagrande (Vini Caldirola) das Weltcup-Rennen "Clasica San Sebastian" und genau wie im Vorjahr war der Sieg an der baskischen Biskaya besondere Genugtuung für den Mann aus Florenz, der 1998 die Tour nach einem Sturz aufgeben musste und in diesem Jahr seinen Traum vom Tour-Podium von vornherein abschreiben musste,
nachdem sein Rennstall wieder ausgeladen worden war. Grund zur Freude hatte auch der Belgier Andrej Tchmil (Lotto), der Vierter wurde bei dem sechsten von zehn Weltcup-Rennen der Saison und damit die Führung im Weltcup übernahm, nachdem der bisherige Spitzenreiter Frank Vandenbroucke (Cofidis) das Rennen aufgab.

Im vergangenen Jahr hatte sich der Toscaner Francesco Casagrande bei seinem Sieg in San Sebastian, oder Donostia, wie die baskischen Metropole auf baskisch heißt, im Sprint durchgesetzt gegen den Belgier Axel Merckx und seinen Landsmann Leonardo Piepoli, mit denen zusammen er den Jaizkibel, den schwersten Anstieg des Rennens, an der Spitze bewältigt hatte. Auch 1999 war der Jaizkibel wieder der "Scharfrichter" des Rennens. In diesem Jahr konnten am Jaizkibel nur Alberto Elli (Telekom) und - wie im Vorjahr - Piepoli das Hinterrad von Casagrande halten, allerdings nur bis drei Kilometer vor der Passhöhe des acht Kilometer langen und 7,4 Prozent steilen Berges der ersten Kategorie.

Nach dem Jaizkibel waren es noch 30 Kilometer bis ins Ziel und Casagrande lag 21 Sekunden vor Elli und eine gute Minute vor Piepoli und dem Franzosen Jean-Cyril Robin, den ersten der Verfolgergruppe, an die auf dem Weg ins Ziel immer mehr Fahrer wieder Anschluß fanden.

Armstrongs letztes Rennen

  07.08.99 - Die Clasica San Sebastian war für Toursieger Lance Armstrong (US Postal) "das letzte Rennen in Europa in dieser Saison", wie der Amerikaner am Samstag bestätigte.

Ursprünglich hatte Armstrong in Paris nach seinem Tour-Triumph geplant, nur noch den GP Breitling zu fahren, aber dann machte er noch eine Ausnahme und startete in San Sebastian, wo er 1995 gewann und 1994 Zweiter wurde. Am Samstag stieg der 27-jährige jedoch ebenso wie Jan Ullrich oder Frank Vandenbroucke vorzeitig aus.

Lance Armstrong, dessen Frau Kristin im Dezember ein Kind erwartet, wird nun in die USA zurückkehren, wo er insbesondere in der Mountainbike-Serie "Mercury Cup" fahren wird. Bei Olympia 2000 in Sydney will der Texaner neben dem Straßenrennen und dem Zeitfahren auch das MTB-Rennen fahren.

Obwohl die letzten Kilometer auf breiten Straßen und zum Teil auf einer Autobahn entlang führten, wo eine Gruppe große Vorteile hat, konnte der allein fahrende Casagrande, der mit weit aufgerissenem Mund längst im anaeroben Bereich fuhr, den Vorsprung auf seine Verfolger halten.

Die Situation für Casagrande wurde umso schwerer, als eine Reihe von Teams mit mehreren Fahrern in der 27-köpfigen Verfolgergruppe vertreten waren und somit gute taktische Möglichkeiten hatten. Insbesondere gut vertreten war Lotto, das für den Milan-San Remo-Sieger Andrej Tchmil fuhr, der die Chance sah, die Weltcup-Führung zu übernehmen, nachdem Frank Vandenbroucke am Fuße des Jaizkibel aus dem Rennen ausstieg. Dabei war der junge Belgier in guter Gesellschaft: Auch Toursieger Lance Armstrong stieg vorzeitig aus und fuhr bei seinem letzten Saisonstart in Europa nicht das Rennen zu Ende. Auch Jan Ullrich, der sich in Form zu bringen versucht für den Herbst, beendete das Rennen nicht.

Francesco Casagrande

geb. 14.09.70 in Florenz
172cm, 63kg.
Verheiratet, 1 Kind.

Profi seit: 1993
Teams: Mercatone Uno (93-95), Saeco (96-97), Cofidis (98), Vini Caldirola (seit 99)

Größte Erfolge:
Clasica San Sebastian 1998 und 1999, Tour de Suisse 1999, Trofeo Matteotti 1999, 1.Et. Mittelmeer-Rundfahrt 1998, Trofeo Scalatore III 1997, Giro di Romagna 1997, Appennin-Rundfahrt 1995, Etappe der Kalabrien-Rundfahrt 1995, Milan-Torino 1994, Giro d'Emiglia 1994

Auf der Zielgeraden auf einem breiten Boulevard am Golf von Biskaya wurde Andrej Tchmil am Ende Vierter hinter seinem Teamkollegen Rik Verbrugghe und dem erst 23 Jahre alten Italiener Giuliano Figueras (Mapei). Verbrugghe war auf dem letzten Kilometer angertreten, um für Tchmil die Straße zu öffnen.

Der 36 Jahre alte Andrej Tchmil, der in Wladiwostock geboren wurde, 1991 letzter Sowjetmeister wurde und seit 1997 die belgische Staatsangehörigkeit besitzt, führt nun die Weltcup-Wertung an vor Vandenbroucke und kann sich nun berechtigte Hoffnungen machen auf den Gewinn des Weltcups, den er 1994 um wenige Punkte verpasste.

Der Sieger von San Sebastian, der 28 Jahre alte Francesco Casagrande, erlebt unterdessen die beste Saison seiner Karriere. Im Juni gewann er die Tour de Suisse und wollte die Tour de France mit dem Ziel einer Podiumsplazierung bestreiten. Daraus wurde jedoch nichts, nachdem sein Vini Caldirola-Team von den Tour-Organisatoren wieder ausgeladen worden war, nachdem der Ukrainer Serguej Honchar unter Dopingverdacht geriet.

Francesco Caragrande war 1998 unmittelbar nach seinem ersten Sieg in San Sebastian selbst in einen Dopingfall verwickelt, als er mit einem unnormalen Testosteron-Wert auffiel. Neun Monate wurde der Florentiner damals gesperrt. Nur wenige Wochen nach Ablauf seiner Sperre gewann er die Schweiz-Rundfahrt. "Das ist der Beweis, dass die vorwiegend von Journalisten verbreitete Meinung, wonach man nur Rennen gewinnen kann mit möglichst vielen Rennkilometern in den Beinen, reiner Unsinn ist", hatte damals der Schweizer Meistermacher Paul Köchli (war u.a. Sportdirektor von Hinault und Lemond) den Sieg von Casagrande in der Neuen Zürcher Zeitung kommentiert. Casagrande habe seine Sperre zu richtigem Training optimal genutzt. "Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich all die versteckten Anschuldigungen gegen den Italiener lese", so Köchli.

"Acqua passata", sagte Casagrande am Samstag im Blick auf die Vergangenheit, das Wasser der Flüsse fließt weiter. Der Italiener schaut nun mit besonderer Spannung auf die WM im Oktober in Verona, wo ein selektiver Kurs auf einen Mann wie ihn zugeschnitten ist. Casagrande gilt nun umso mehr als heißer WM-Favorit, als sein Landsmann Michele Bartoli, der ursprüglich als WM-Kapitän der Squadra Azzurra vorgesehen war, vor wenigen Tagen sein vorzeitiges Saisonaus verkündete.


Stimmen zur Clasica San Sebastian 1999
Casagrande: "Der Sieg ist sicherlich schöner als der letztes Jahr"

07.08.99 - Stimmen zur Clasica San Sebastian 1999:

Fransesco Casagrande (Ita/ Vini Caldirola), Sieger: "Dieser Sieg ist sicherlich schöner als der letztes Jahr. Allein in San Sebastian anzukommen ist besser, als zu dritt. Als ich antrat und Piepoli und Elli an mein Hinterrad zurückkamen, habe ich sie gebeten, mitzuarbeiten. Aber ich habe schnell gemerkt, daß sie gar nicht konnten. Als sie zurückfielen, habe ich alles gegeben, um den Vorsprung zu maximieren. Der Erfolg tröstet mich ein wenig dafür, daß ich nicht an der Tour teilnehmen durfte. Bei der Tour de France hatte ich das Podium im Blick."

Rik Verbrugghe (Bel/Lotto), Zweiter: "Ich habe geplant, auf dem letzten Kilometer zu attackieren, damit Andrei (Tchmil) mein Hinterrad nehmen konnte. Aber als ich mich umgeschaut habe, hatte ich schon einen Vorsprung. Da mußte ich weiterfahren."

Giuliano Figueras (Ita/Mapei), Dritter: "Francesco war sehr stark, aber ich denke, ich wäre noch mal drangekommen, wenn alle drei Teams, die vorn dabei waren, zusammengearbeitet hätten. Aber speziell bei Saeco war das nicht der Fall. Ich persönlich habe heute eine Gelegenheit verpasst."

Andrei Tchmil (Bel/Lotto), Vierter und neue Weltcup-Führender: "Rik (Verbrugghe) ist angetreten mit der guten Idee, mich im Sprint zu lancieren. Aber ich war blockiert und ich wollte nicht das Loch zufahren. Das Team war vorzüglich heute. Es ist noch zu früh, vom Weltcup zu sprechen. Ich schaue jetzt ein Rennen nach dem anderen, nicht wie 1994, als ich alles auf einmal wollte und Bortolami am Ende doch noch an mir vorbeiging. Es war das erste wichtige Rennen nach der Tour de France und ich konnte gut meine Form vergleichen mit denen, die aus der Tour kommen. Ich habe mich in Italien im Juli gut vorbereitet. Ich bin den Stelvio-Pass allein neun Mal hochgefahren."

Ergebnisse der Clasica San Sebastian 1999

03.08.99 Clasica San Sebstian 1999: Telekom mit Bölts, Elli und Guerini
29.07.99 Clasica San Sebstian 1999: Armstrong, Zülle und Escartin am Start
08.08.98 (1998) Clasica San Sebastian: Casagrande triumphiert vier Wochen nach seinem Tour-Pech
07.08.98 (1998) Clasica San Sebastian: Festina am Start des Welt-Cup-Rennens

Weltcup - Übersicht







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