90.Tour de France - 14.Etappe
Gilberto Simoni verteidigt seine Kletterer-Ehre
Großartige Flucht / Ullrich und Vinokourov nehmen Armstrong in die Zange

Fotos: Roth
20.07.03 (rsn) - Der Italiener Gilberto Simoni (Saeco),
der große Verlierer in den Alpen, hat am Sonntag bei der
ersten der beiden schweren Pyrenäen-Etappen
seine Kletterer-Ehre wiederhergestellt. Der Giro-Sieger
konnte bei der 14.Etappe über 191,5km zwischen Saint-Girons und Loudenvielle
den Tagessieg davontragen. Der Amerikaner Lance Armstrong (US Postal),
der von seinen Rivalen Alexander Vinokourov (Telekom) und
Jan Ullrich (Bianchi) in die Zange genommen wurde,
verteidigte sein Gelbes Trikot, seine Aufgabe bei der Pyrenäen-Königsetappe am Montag
wurde aber nicht leichter.
Samstag Jan Ullrich
den Texaner angegriffen hatte, war es
am Sonntag Telekom-Kapitän Alexander Vinokourov,
Gesamtdritter, der attackierte.
Am Peyresourde, dem letzten
Anstieg des Tages 20km vor dem Ziel,
trat Vinokourov an und nahm
schließlich Armstrong (und Ullrich) 43 Sekunden ab.
Wer mit
wem eine Allianz bildete,
war da am Ende nicht mehr zu sagen: Die befreundeten Ullrich und Vino gegen
Armstrong? Oder aber Armstrong und
Ullrich gegen Vinokourov,
der zeitweise im "virtuellen" Gelben Trikot
fuhr?
dahin am Hinterrad von Ullrich
fuhr, Tempo und rettete
sein Gelbes Trikot.
"Das war für mich eine ganz harte Etappe. Ich habe alles gegeben
und vorübergehend sogar geglaubt, das Gelbe Trikot zu bekommen.
Leider habe ich es nicht ganz geschafft.
Schade, dass Mayo nicht mitgefahren ist,
vielleicht war er am Limit.
In Bonascre (am Samstag) habe ich es
auch versucht, aber ich hatte Probleme.
Heute hatte ich mehr Kraft.
Das ist gut für die Moral", sagte der erschöpfte
Vinokourov. "Vielleicht
kann ich ja der lachende Dritte sein, wenn Jan und Lance sich weiter
so belauern", meinte der Kasache, der
bereits eine Etappe gewann und in dieser
Saison schon bei Paris-Nizza, Amstel Gold Race
und Tour de Suisse triumphiert hatte.
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Simoni setzte sich in Loudenvielle
im Sprint durch vor
dem Schweizer
Laurent Dufaux (Alessio),
dem Franzosen Richard Virenque (Quick Step)
und dem Italiener Andrea Peron (CSC),
den drei anderen "Überlebenden"
einer großartigen Flucht von 17 Mann, die
bereits nach vier Kilometern
dem Feld davongefahren waren.
Beltran, Pradera, Aldag, Nardello, Petrov,
Simoni, Piil, Peron, Mengin, Bettini, Rogers, Virenque, Guidi,
Bénéteau, Zampieri, Botcharov und Dufaux
kamen nach 62km auf einen Vorsprung
von 15 Minuten. Armstrongs Teamkollege
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Fotos: Roth
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Manuel Beltran hatte da rechnerisch
die Führung in der Gesamtwertung.
Ullrichs Bianchi und
vor allem Euskaltel machte
im Feld dann Tempo.
An der Spitze wurde die Gruppe immer kleiner.
Am Portillon (KM 156)
setzten sich Dufaux, Virenque und Simoni
ab, nachdem Virenques Teamkollegen
Bettini und Rogers mit großer Arbeit den Boden bereitet hatten.
Das Trio, in dem Simoni den stärksten Eindruck machte, überquerte den
Peyresourde gemeinsam.
Auf der leicht abfallenden Zielgeraden setzte
sich Simoni dann verdientermaßen
in einem knappem Sprint vor
Dufaux durch.
"Es war mir klar,
dass Simoni am Ende wohl der Stärkste sein würde.
Ich wollte vor allem im Gesamtklassement
einen Sprung nach vorne machen, daher
habe ich nicht gezögert, als die Gruppe
früh weg ging", sagte Dufaux.
Der drittplatzierte Richard Virenque
hatte sein Tagewerk bereits vor dem Sprint
verrichtet. Mehr als 120 Punkte
sammelte der Kletter-Spezialist
unterwegs für die Bergwertung,
die er nun mit 300 Punkten anführt
mit Riesenvorsprung vor Dufaux (163).
Der sechste Gewinn des weißen Trikots
mit den roten Punkten dürfte
Virenque nicht mehr zu nehmen sein.
"Gestern bekam ich eine SMS: Gib Feuer!
Das habe ich gemacht. Dass die Alten
vorne sind, finde ich gut",
meinte Virenque.
Simoni feierte zum ersten Mal in
seiner Karriere einen Etappensieg
bei der Tour de France,
die er bisher erst zwei Mal als
Teamhelfer fuhr.
"Es ist eine Riesenfreude, eine Etappe
zu gewinnen", strahlte Simoni.
"Es ist für mich um so schöner,
als ich nicht bei 100 Prozent bin und
ich gestern sogar noch an Aufgabe dachte.
Aber glücklicherweise hat mir mein Teamchef
das ausgeredet. Er meinte, ich könnte eine
Etappe gewinnen. Es ist großartig,
besonders nachdem ich in
den Alpen so gedemütigt wurde."
Armstrong vor größter Herausforderung
Im Gesamtklassement ist es an der Spitze
nun eng wie schon sehr lange nicht mehr
in der dritten Tour-Woche: Armstrong,
Ullrich (+ 15 Sekunden) und Vinokourov trennen
unglaubliche 18 Sekunden voneinander.
Bei der nächsten Etappe am Montag über Tourmalet
nach Luz-Ardiden, dem "Alpe d'Huez
der Pyrenäen", steht Armstrong
vor der größten Herausforderung,
seit er 1999 zum ersten Mal die Tour
de France gewann. Noch nie
war der Texaner, der stets
das Rennen absolut dominierte, so
unter Druck.
Dennoch gab sich der 31-Jährige
unverdrossen: "Es war ein ziemlich
ereignisreicher Tag.
Heute habe ich mich besser gefühlt
als gestern, als ich noch ein bißchen gelitten habe
unter dem Desaster beim Zeitfahren von Freitag."
Besser werden muss Armstrong auch noch.
Wenn es der vierfache Toursieger bei der Etappe am Montag
nicht schafft, Ullrich Zeit abzunehmen,
wird es ganz eng für den Amerikaner.
"Ich muss ohne Zweifel
das letzte Zeitfahren abwarten.
Das ist nicht beruhigend, aber so ist
es eben", sagte Armstrong. "Wenn ich morgens aufstehe,
bereite ich mich darauf vor, an dem Tag
mein Bestes zu geben. Ich habe jetzt 15 Sekunden Vorsprung
und beim Zeitfahren am vorletzten Tag
könnte ich 16 Sekunden verlieren. Das wäre
eine historische Entscheidung!
Wenn das passiert, werde ich nicht
weinen. Ich trinke ein gutes Bier
und ich komme nächstes Jahr zurück."
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