23.07.03 (dpa) - Er hat sich mit seinen Verletzungen durch die Alpen
und Pyrenäen geschleppt. Der linke Arm von Erik Zabel ist nach seinem
Sturz von Lyon von Schorf verkrustet und schillert rosa-rot. «Ich
will nur noch Paris sehen», sagte der 33-jährige Berliner am zweiten
Tour-Ruhetag in Pau.
Seine Augen schauen müde. Vom Grünen Trikot, das
er bis 2002 sechs Mal in Folge bis Paris trug, hat sich Zabel als
Viertplatzierter der Punktwertung «so gut wie verabschiedet».
Die Chancen auf seinen ersten diesjährigen und insgesamt 13.
Etappensieg gehen nach den bisherigen Erfahrungen in den
Massensprints in Richtung Null. «Im Vorjahr hatte ich auch gedacht,
Typen wie McEwen kommen nicht über die Berge und habe mich
getäuscht», meinte Zabel, der ohne große Illusionen weiter fährt
«Ich schätze mal, Cooke und McEwen werden das Grüne Trikot unter sich
ausmachen. Ich habe kein Problem, mir das aus der Distanz
anzuschauen.» Beide wären auch ein heißer Tipp für die 17. Etappe am
Donnerstag in Bordeaux, dem L'Alpe d'Huez der Sprinter.
Dort gewann Zabel schon zwei Mal. Ein kleines Schlaglicht auf die
Klasse des Telekom-Kapitäns, der kurz vor der Tour nach fast zwei
Jahren die Führung der Weltrangliste verloren hatte. International
wird seine Qualität so hoch eingeschätzt, dass er unter den 100
bedeutendsten Radsportlern, die die 100 Jahre Tour de France prägten,
nur 15 Ränge hinter Jan Ullrich als erster Nicht-Toursieger
eingestuft wurde. Die Erfolge des deutschen Meisters sind Legende:
vier Mal Mailand - San Remo, Paris - Tours, Amstel Gold Race,
Gesamt-Weltcup, Etappensiege bei der Tour, Vuelta, Tour
de Suisse.
Die neue Nachdenklichkeit des Erik Zabel hat eingesetzt, seit er
merkte, dass bei ihm nicht mehr alles so blitzschnell wie früher
vonstatten geht und er zu Beginn des Jahres zum verlängerten Arm der
Teamleitung im Rennen gemacht wurde. «Ich setzte mir nicht mehr das
Messer an den Hals, um bei den Zwischensprints der Tour um jede
Häuserecke dabei zu sein. Das hat mich ein Jahr meiner Karriere
gekostet.» Die unbarmherzige Hatz und Hetze überlässt er jetzt immer
mehr anderen.
Der Unfall des Spaniers Joseba Beloki, der inzwischen nach seinem
schweren Sturz kurz vor Gap nach mehreren Operationen aus dem
Krankenhaus entlassen wurde, hat ihm ein weiteres Mal zu denken
gegeben «Da geht es nicht um eine Platzierung oder um das Podium. Da
geht es um die Gesundheit. Die Tour ist wichtig, aber in dem Fall ist
das egal», sagte der Familienvater, der sich in einer Kurve in Lyon
Schürfwunden und Prellungen am Arm, an den Beinen und Schnittwunden
in den Handflächen zuzog «Erfolg und Niederlagen liegen so nahe
beieinander».
Doch Zabel konnte auch von großem Glück berichten «Ich hatte
Tränen in den Augen und große Schwierigkeiten, die letzten sechs
Kilometer ins Ziel zu schaffen. Das war in zehn Jahren Tour
eigentlich erst der zweite schwerere Zwischenfall.»
Ob mit oder ohne aktuellen Erfolg wie im Moment in Frankreich,
eines hat sich für Zabel nicht geändert Er kann nicht aus dem
Schatten von Jan Ullrich treten. Das war sogar im Vorjahr der Fall,
als der Tour-Sieger von 1997 nur außerhalb des Sports Schlagzeilen
produzierte. Auch damit hat sich Zabel längst abgefunden. Genauso wie
Ullrich sich vielleicht damit arrangieren muss, dass er nicht an
Lance Armstrong vorbeikommt.