90.Tour de France - 19.Etappe
Kleiner Ausrutscher läßt Ullrichs Träume platzen
Vorsichtiger Armstrong macht alles klar / David Millar gewinnt Zeitfahren

Fotos: Roth
26.07.03 (rsn) - Der große Showdown fand
nicht um 12 Uhr Mittags und nicht in gleißender Sonne statt,
sondern um kurz vor Fünf bei strömendem Regen.
Das dramatische letzte Zeitfahren der Tour de France
am Samstag zwischen Pornic und Nantes
über 49km brachte die Entscheidung. Lance Armstrong (US Postal)
hatte keinen großen Tag und wurde nur Dritter, steht aber dennoch
vor seinem fünften Gesamtsieg in Folge.
Die Träume von Jan Ullrich (Bianchi) zerplatzten
nach einem Sturz auf regennasser Straße 12km vor dem Ziel.
Videoaufzeichnungen machen,
die er sich zur Vorbereitung dann anschaute,
während Armstrong auf herkömmliche
Weise die Strecke erkundete.
"Als ich über Funk vom Sturz Ullrichs hörte, bin ich sofort
langsamer und vorsichtiger gefahren.
Ich wusste, dass die letzten
zehn Kilometer total gefährlich sind. Ich wollte heute nicht die
Etappe gewinnen, sondern die Rundfahrt",
sagte Armstrong nach seinem taktischen Rennen.
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Auf regennasser Strasse war Ullrich
bei KM 37 in einem Kreisverkehr
weggerutscht, in dem am Morgen
bereits der Berliner Rouleur Uwe Peschel
(Gerolsteiner) zu Fall gekommen war und
seine Hoffnungen begraben musste (s.Story).
Sieger Millar, der ebenfalls
gestürzt war, nannte
den Kurs einen "skating rink" (Schlittschuh-Bahn). Ullrich konnte gleich wieder
aufstehen und weiterfahren,
doch er kam aus dem Rhythmus, verlor wertvolle Sekunden
und wohl noch viel mehr an Moral.
Zum Zeitpunkt seines Sturzes
lag der Bianchi-Kapitän
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Fotos: Roth
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zwei Sekunden vor Lance Armstrong.
Somit konnte sich Ullrich,
der 65 Sekunden hätte gutmachen müssen,
zumindest
trösten: er hatte durch den Sturz nicht
die Tour de France verloren.
Andererseits wäre vielleicht doch noch eine Sensation
drin gewesen, wenn
Armstrong auf den letzten Kilometern richtig unter
Druck geraten wäre.
"Ich bin ein
bisschen traurig, denn das Zeitfahren hätte ich gern gewonnen", sagte
Ullrich. "Um den Gesamtsieg wäre es aber sicher nur noch gegangen,
wenn Lance gestürzt wäre. Dieses Zeitfahren heute war nicht dazu
geeignet, Armstrong noch eine Minute abzunehmen."
Ullrich, der eine etwas größere Übersetzung fuhr
als Armstrong, war
am schnellsten von allen gestartet
und lag bis zu seinem Sturz
klar auf Siegkurs (s.Zwischenzeiten).
"Der Sturz war ein Riesenpech", meinte
Bianchi-Sportdirektor Rudy Pevenage.
"Aber Jan blieb ruhig, trotz
der Probleme mit den Pedalen.
Ich bin froh, dass er sich nicht verletzt hat."
"Ich denke nicht,
dass ich zu risikofreudig gefahren bin.
Ich bin einfach weggerutscht.
Leider haben wir ja keine Regenreifen wie in der Formel 1",
sagte Ullrich. "Man braucht halt auch Glück.
Ich bin wieder Zweiter bei der Tour
de France, aber ich denke, ich kann trotz allem zufrieden
sein. Dieses Jahr war mein Ziel ja eigentlich
nur, wieder mitzufahren.
Natürlich habe ich geträumt,
das Gelbe Trikot zu holen
und es ist schon etwas traurig, wie es heute gelaufen ist.
Die entscheidende Zeit (auf Armstrong)
habe ich in den Alpen
verloren, in den Pyreäen war ich nah dran.
Alles in allem, - zweiter Platz und ein
Etappensieg - fällt meine Bilanz nicht schlecht aus",
so Ullrich.
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Der Tagessieg ging derweil überraschend
an den Schotten David Millar (Cofidis),
der in den letzten Etappen gar keinen
guten Eindruck machte und aufgrund von
Depressionen und angeschlagener
Gesundheit (Bronchitis) sogar an Aufgabe dachte.
Millar fuhr - trotz eines Sturzes -
die Bestzeit und verwies den
ebenfalls überraschend starken
Tyler Hamilton (CSC) mit neun Sekunden
Rückstand auf Platz 2.
Der 26 Jahre alte Millar gewann
zum zweiten Mal in seiner Karriere
ein Zeitfahren der Tour. 2000 gewann
er den Auftakt in Futuroscope.
"Ich bin so glücklich!",
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Foto: Roth
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strahlte
Millar. "Nach dieser schweren Woche
habe ich den Spaß auf dem Rad wiederentdeckt."
Millar fuhr einen Schnitt von 54,361 km/h
und stellte damit beinahe einen neuen Tour-Rekord
auf. Die schnellste Tour-Etappe
fuhr der Amerikaner Greg LeMond 1989
beim 24,5km langen Zeitfahren zwischen Versailles und Paris (54,545 km/h),
als er dem Franzosen Laurent Fignon den Gesamtsieg am letzten Tag
wegschnappte.
Hamilton zog mit seinem starken Zeitfahren
im Gesamtklassement an den Basken
Haimar Zubeldia und Iban Mayo (beide Euskaltel)
vorbei und geht ins Finale als
Gesamtvierter. Der Kasache
Alexander Vinokorov (Telekom), der von der
Tour-Jury zum kämpferischsten Fahrer der Tour
("coureur super-combatant") gewählt wurde,
verteidigte mit einem 16.Tagesrang seinen Platz und
wird am Sonntag neben Armstrong und Ullrich auf das Podium
auf den Champs-Elysées treten.
Lance Armstrong geht in das große Finale
am Sonntag nun mit 1:16 Minuten
Vorsprung auf Ullrich.
Der Texaner
steht vor dem fünften Gesamtsieg in Folge
und dem Einzug in den exklusiven Klub
der "Fünfer" (Anquetil, Merckx, Hinault, Indurain).
Fünf Siege hintereinander
gelangen bisher nur dem Spanier
Miguel Indurain zwischen 1991 und 1995.
Jan Ullrich wird zum fünften Mal
Zweiter bei dem Rennen, das er bisher einmal (1997)
gewann.
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